Geschichten 57
Sir Trevor:
Kleine Geschichten aus dem Leben eines aristokratischen Katers
(geboren am 08.08.1992)
Es war an einem Samstag, ich erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen:
Das Telefon klingelte als ich gerade unter der Dusche stand. In der Regel mag ich da nicht zum Telefon. War es Intuition als ich doch zum Hörer griff? Es meldete sich meine ehemalige Nachbarin, eine Tierärztin:
"Ingrid, ich habe soeben einen Kater reinbekommen der super zu Ihnen passen würde". (Frage: woher wusste sie das wohl so genau??)
Eigentlich wollte ich nie mehr ein Tier zu mir nehmen, bis dahin hatte ich immer nur arme und nicht mehr gewollte Tiere bei mir aufgenommen, die bei mir sicher ein schönes Leben führen durften, mir aber nie lange gegönnt waren. Bei jedem endgültigem Abschied habe ich endlos gelitten und getrauert.
Ich weiß nicht was mich dazu bewog, aber meine spontane Antwort war "ich komme sofort und hole den Kater zu mir nach Hause". Als ich dann in der Praxis stand, saß vor mir ein großer Tigerkater, eingesperrt in einem Käfig und beäugte mich neugierig.
Ich öffnete die Klappe des Käfigs, er gab mir Köpfchen und beschmuste mich ausgiebig, es war augenblicklich um mich geschehen.
Die Tierärztin ließ bei der Übergabe folgendes verlauten:
"Stellen Sie sich vor, dieser völlig gesunde Kater mit dem Namen Tosio wurde von einer Arztfamilie bei mir abgegeben mit der Order ihn einzuschläfern! Mit dem zu erwartenden Familienzuwachs und einer Katze gäbe es nur Probleme, sie könnten das Tier nicht mehr gebrauchen!"
Mir blieben die Worte im Halse stecken und ein unheimlicher Groll stieg in mir auf. Wie kann ein Humanmediziner nur eine solche Einstellung zu Leben und Tod haben?
Weder das Körbchen noch sonstige Sachen, die Kater Tosio bei der seiner "Entledigung" mitgegeben wurden wollte ich haben. Er sollte alles neu bekommen, inklusive des Namens und vor allem aber eine bessere Perspektive für sein künftiges Leben.
Schon auf dem Nachhauseweg bemerkte ich, dass dieser Kater eine Leidenschaft für das Autofahren haben musste, kein Protest und gar nichts, in völlig entspannter Pose lag er auf der Hutablage im Fond des Wagens.
Bis heute ist das Autofahren eine absolutes highlight für meinen Kater, davon aber später noch mehr.
Als erstes wurde dann von ihm mal gründlich sein neues Domizil inspiziert. Er tat das mit einer totalen Erhabenheit, nichts, aber auch gar nichts konnte ihn dabei aus der Ruhe bringen. In der Zwischenzeit organisierte der neue Dosi mal alle notwendigen Utensilien wie Futter, Katzenklo, Kuschelbettchen usw.
Ich taufte diesen Kater auf den Namen "Trevor", im Laufe der Zeit wurde daraus "Sir Trevor", denn er verhält sich wirklich in allen Lebenslagen wie ein Sir. Seine Unerschrockenheit und das Sozialverhalten gegenüber anderen Tieren sind einmalig.
Das Temperament dieses zweijährigen Katers verursachte anfangs eine Menge Turbulenzen in meinem Haushalt!
Ich brauchte eine ganze Weile um zu begreifen, dass diesem Kater erst einmal alle neu angeschafften Gegenstände zur Begutachtung, Akzeptanz und "Genehmigung" vorgelegt werden müssen. Bis dahin ging dann doch so einiges in die Brüche!
So hatte mir mein Freund zu meinem Geburtstag ein super schönes, in einen edlen Rahmen gefasstes Bild geschenkt, das wir auch sogleich an die Wand hängten. Einen Tag später, ich saß gemütlich vor der Glotze, traf mich fast der Schlag vor lauter Schreck. Dieses Bild wurde von Trevor mit einem Rundumschlag von der Wand geholt, der Rahmen war gesplittert, das Glas lag in tausend Scherben auf dem Fussboden und das Bild war ebenfalls beschädigt.
Meinem ach so schönen Holztisch widerfuhr ein ähnliches Schicksal, darauf stand eine Vase mit tollen Blumen, die von Trevor noch nicht markiert wurde, also verstreute er mal die Blümchen in meiner Abwesenheit in der ganzen Wohnung und aus der gekippten Blumenvase lief das Wasser unerbittlich über den Tisch. Ich habe gezetert! Der ganze Tisch musste abgeschliffen werden, damit er nicht mehr danach aussah, als hätte ein Schiff auf der Donau Wellen hinterlassen.
In unser damaliges Kuschelsofa ließen sich die tollsten Löcher reinbaggern, Katerchen leistete immer ganze Arbeit.
Absolut klasse fühlt sich Trevor auf dem Rundbogen der Vitrine, die eine beachtliche Höhe hat, da platziert er sich des Öfteren, wenn der Staubsauger bei mir zum Einsatz kommt. Hier wird geduldigst gewartet, bis Frauchen in gebückter Haltung mit dem lärmenden Teil vorbeikommt! Nichts Böses ahnend und in die Arbeit vertieft, wird aus heiterem Himmel mein Rücken zum Sprungbrett des Katers.
Anfangs saß Trevor jeden zweiten Tag vor der Wohnungstüre und maunzte ganz fürchterlich. Beim Ausgang meiner Wohnung geht es auf einen sogenannten Laubengang und alsdann durch eine Türe ins Treppenhaus.
Also ließ ich Trevor in meiner Gegenwart mal die Gegend erkunden. Nun setzte er sich vor die Türe, die zum Treppenhaus führte und die ich ihm ebenfalls öffnete.
Vor der Lifttüre maunzte Kater Trevor fröhlich weiter, also fuhr ich mit ihm im Aufzug in das Untergeschoss zwei, in dem sich die Tiefgarage befindet, um ihm da ein wenig Freigang zu gewähren. Ich traute meinen Augen nicht: Trevor spurtete durch die Garage und setzte sich direkt vor mein Auto. Selbstverständlich habe ich die Autotüre geöffnet und Katerchen machte es sich gleich auf der Hutablage gemütlich. Das Ganze wiederholte sich von nun an jeden zweiten Abend und führte dazu, dass Dosi regelmäßig und brav ein Fährtchen mit Trevor durchs Dorf zu unternehmen hatte.
Eines Tages verletzte sich Trevor durch seine wilde und ungestüme Art ernsthaft beim Rumtoben am Kratzbaum. Das Kreuzband war gerissen, die Verletzung war so schlimm, dass ein künstliches Band eingesetzt werden musste. Lange Zeit sah es so aus, dass Trevor nie mehr normal laufen würde. Bis Kater Thomas zu einem Ferienaufenthalt für drei Wochen bei uns einquartiert wurde.
Kater Thomas, der ab diesem Tag zum Therapeuten für Trevor wurde, war plötzlich um vieles interessanter als nur herumzuliegen! Durch die Bewegung stärkte sich nun auch wieder die Muskulatur und zu meiner großen Freude stolzierte Trevor nach kurzer Zeit wieder völlig normal durch die Wohnung.
Auf Besuche bei Freunden ist Trevor seit Anbeginn total versessen, er lässt sich da mitnehmen wie ein Hund, benimmt sich sehr gesittet und zeigt sich dabei keineswegs eingeschüchtert. In meinem Freundeskreis sprach sich rasend schnell herum, dass ich einen total unerschrockenen und sehr speziellen Kater habe. Es ist überhaupt kein Problem, Trevor während meiner Ferienabwesenheiten unterzubringen, alle wollen meinen Trevor haben. Beim dem Satz "Trevor zieh dir deine Jacke über" erhebt er sich und kommt schön brav mit, oder lässt sich auf den Arm nehmen um die Heimfahrt anzutreten.

Die Wohnung meiner besten Freunde, sowie ihr nobles Auto haben es Trevor ganz besonders angetan. Mit diesem Auto wird Trevor des Öfteren von meiner Freundin abgeholt. Sie erzählte mir dann, dass Trevor sich nicht so ohne weiteres aus diesem Wagen nehmen lässt, sie muss sich jedes Mal mindestens für zehn Minuten ganz ruhig zu ihm auf den Rücksitz setzen, bevor Katerchen es gestattet, sich aus dem Wagen nehmen zu lassen.
Eines Tages bemerkte ich, dass der Lichtschalter auf Trevor eine magische Anziehungskraft ausübt. Da er ein sehr stattlicher und großer Kater ist, schaffte er es auch bald mit der Pfote den Lichtschalterknopf zu drücken. Bis heute macht er davon Gebrauch, ist er gut drauf betätigt er sogar auf Kommando und vor Publikum den Lichtschalter. Das Thema Stromrechung lasse ich mal besser beiseite.
Trevors Gastaufenthalte bei meiner Freundin, waren der Auslöser für sie, sich ebenfalls wieder ein Tier aus dem Tierheim zu holen. Den kleinen Tigerkater Thomas haben wir noch am gleichen Tag meinem Trevor in meiner Wohnung vorgestellt.Thomas war ebenfalls ein sehr unerschrockener Kater und nahm Trevors Revier gleich in Besitz.
Mit einer für uns stoischen Ruhe beobachtete Trevor den Kater bei seinem Streifzug durch die Wohnung und machte überhaupt keine Anstalten, seinen Platz auf dem Kratzbaum zu verlassen. Beide Tiere zeigten keinerlei Stress und so freuten wir uns, dass die gegenseitige "Abwesenheitsvertretung" der Dosis schon mal gesichert war.
Beim ersten dreiwöchigen Aufenthalt von Thomas bei mir habe ich recht gezittert ob das Ganze schlussendlich gut gehen würde, es passierte aber nicht das Geringste. Die beiden Kater verstanden sich auf Anhieb fantastisch.
Jeden Abend zur gleichen Zeit legte sich Trevor neben mich auf das Sofa und schlief da tief und fest. Auf dieses Nickerchen wartete Thomas täglich, meine Warnung mit hocherhobenem Zeigefinger ignorierte er völlig, nichts konnte den Kater davon abhalten Trevor anzuhechten, um ihn fürchterlich zu erschrecken. Thomas plusterte anschließend jedes Mal sein Fell so auf, dass er aussah wie ein Kugelfisch, so unter dem Motto "dir habe ich es nun gezeigt".
Thomas wurde der heiß geliebteste Freund von Trevor, leider hat er bereits sehr früh den Weg ins Regenbogenland antreten müssen, der Krebs war stärker.
Als es Thomas sehr schlecht ging überließ ihm Trevor alle seine Lieblingsplätzchen und leckte Thomas ständig ausgiebig das Köpfchen. Ich hatte den Eindruck, dass Trevor den nahen Abschied von seinem vierbeinigen Freund fühlte. Noch Wochen später hat Trevor Thomas in der Wohnung meiner Freundin gesucht und immer angespannt gelauscht ob sein Freund nicht doch wieder kommt!
Sehr häufig besuchte Trevor auch unseren Nachbarn, der durch seinen Lungenkrebs im Endstadion bereits sehr geschwächt war und legte sich jeweils dicht neben ihn. Seine Frau musste Trevor jedes Mal aus der Wohnung tragen, freiwillig trennte sich Trevor nicht von diesem Menschen. Bei solchen Szenen vergossen meine Nachbarin und ich Tränen wie Sturzbäche, wir konnten dieses Verhalten von Trevor nicht einordnen!
Tierarztbesuche sind für Trevor absolut nicht mit Stress verbunden. Zum Erstaunen der anderen Tierbesitzer beschlagnahmt Trevor im Wartezimmer jeweils sofort einen eigenen Stuhl, ein Transportkorb war bisher nie erforderlich.
Bekanntschaften mit Hunden machte Trevor nur durch Besuche beim Tierarzt, beeindruckt haben die Hunde Trevor jedoch kein bisschen. Bei einem der vielen Tierarztbesuche ließ er sich von einer Labradorhündin, die allerdings an Katzen gewohnt war, intensive Körperpflege gefallen bis sein Fell triefte. Trevor musste danach vor der Behandlung erst mal trocken gerubbelt werden.
Etwas jedoch hasst er abgrundtief! Nach einer Blutentnahme wurde Trevor ein rosa Pflaster um die Pfote gewickelt, nun wurde mein guter Kerl plötzlich zum Kampfkater, mit der Konsequenz, dass sich der völlig überraschte Tierarzt gleich selber verarzten musste. Die Probe aufs Exempel hat's gezeigt: Zeige Trevor eine Heftpflasterrolle und er wird zum reißenden Tiger.
Auf der Krankenstation zusammen mit anderen Tieren mutierte Trevor zum Krankenpfleger. Da er so sozial veranlagt ist, bekam Trevor auf der Station Freigang. Ein kleines Zwerghäschen entwischte vor der OP und schlug munter seine Haken durch den Raum. Ruhig dasitzend und mit großem Interesse verfolgte Trevor das Ganze und rührte sich nicht von der Stelle. Die Ärztin, die das Häschen zur OP abholen wollte, fürchtete wegen Trevor um das Leben des entwischten Tieres. Als nun auch noch der kleine Zwerghase direkt auf Trevor zuhoppelte, bekam sie echt die Krise. Jedoch "Sir Trevor" gab diesem Häschen Köpfchen und begann intensiv damit, den kleinen Kerl abzulecken.
Die für eine Katze untypischen Reaktionen und sein soziales Verhalten lassen andere und mich immer wieder aufs Neue staunen.
Es gibt aber auch Situationen in denen mich Trevor bestraft! Ganz besonders, hasst er es wenn ich telefoniere. Er ist ein echter Profi im Öffnen von Schränken und Schubladen, zur "Bestrafung" seines Dosis wird zu folgendem Mittel gegriffen: Kleider werden vom Bügel gekrallt und unter Schwerstarbeit von Trevor in der ganzen Wohnung verteilt.
Solche Sachen passieren dann auch schon mal während meiner Abwesenheit. Trevors absoluter Favorit scheint meine Wäscheschublade zu sein! So manches Mal, wenn ich nach Hause komme, finde ich meine gesamte Unterwäsche überall verstreut in der Wohnung. Was für eine peinliche Situation, würde ich just in einem solchen Moment Besuch mitbringen, es würde mir wohl kaum jemand glauben, dass es mein Kater ist, der die Unterwäsche in der Wohnung verstreut.
Auch mein jetziger Tierarzt durfte mit diesen "Fähigkeiten" bereits Bekanntschaft machen: Gleich bei seinem ersten Freigang durch die Praxis ließ Trevor es sich nicht nehmen, den Medikamentenschrank mit all den niedlichen Schächtelchen vollständig auszuräumen. Die anschließende Aufräumaktion durch den Tierarzt hat insgesamt eine dreiviertel Stunde beansprucht.
Hab ich da wohl versäumt, unseren Tierarzt auf etwas hinzuweisen?
Im Februar 2004 wurde bei Trevor Diabetes diagnostiziert, das erfordert nun häufigere Besuche beim Tierarzt.
Zwischenzeitlich hat Trevor aber auch die Herzen der Familie des Tierarztes gewonnen, d.h., je nach Gesundheitszustand darf er sich in dessen Haus frei bewegen. Die beiden Katzendamen im Hause des Doktors sind inzwischen beliebte Spielkameradinnen und beim Jagdhund lässt es sich so schön im Hundekorb mitkuscheln.
In meinem Bekanntenkreis habe ich eine sehr liebe Freundin, Aurelia, die Trevor und mich bei der ganzen DB begleitet und mich bei Bedarf entlastet.
Dass Trevor mit dem Kater Felix meiner Freundin ebenfalls ein Herz und eine Seele ist, wundert nun sicherlich den Leser nicht mehr? Als die beiden Tiere sich zum ersten Mal begegneten, lagen sie bereits nach einer halben Stunde eng umschlungen zusammen auf dem Bett. Auf dem Bauernhof, auf dem meine Freundin einen Hausteil bewohnt, darf Trevor manchmal bei unseren Besuchen kontrollierten Freigang genießen. Erstaunlich ist Trevors Akzeptanz, dass ein Freigang im Revier seines eigenen Dosis nicht möglich ist.
Felix
Dem Leser nicht vorenthalten möchte ich zum Schluss noch die Taktik mit der sich Trevor bei anderen Tieren einschmeichelt: Er legt sich auf den Rücken und stellt sich einfach tot. Nun dürfen alle an ihm rumschnuppern bis zum Abwinken und eine Nase voll nehmen. So signalisiert Trevor "es passiert euch nichts". Bis zum heutigen Tag funktionierte diese Masche immer und ausnahmslos. Selbst aggressive Tiere ließen sich von Trevor auf diese Art bezirzen.
Es gäbe noch eine Menge Geschichten über Sir Trevor zu erzählen, das würde jedoch den Rahmen sprengen und ein ganzes Buch füllen!
Nie habe ich es auch nur eine einzige Sekunde bereut, Trevor vor zwölf Jahren bei mir aufgenommen zu haben, im Gegenteil, ich genieße all die Zeit die ich mit ihm verbringen darf und hoffe, dass mich Trevor noch sehr lange begleiten wird.
Ein herzliches Dankeschön an Helga, die mich dazu ermuntert hat, ein wenig über "Sir Trevor "zu erzählen.
Ingrid mit Trevor