Tiergeschichten - Überblick

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Derrys Feind
Prägungen eines Tieres
 
 
Unser Neufundländerrüde Derry, von dem hier ja schon einige Geschichten gehandelt haben, war durch und durch ein friedlicher Hund. Er wurde 12,5 Jahre alt und war in keine einzige Beißerei verwickelt, nicht mit anderen Hunden und erst recht nicht mit Menschen.
 
Die ersten 8 Wochen seines Lebens war er innerhalb einer Familie mit kleinen Kindern und mit vielen anderen Hunden aufgewachsen, das hatte ihn gut sozialisiert. Dazu kam sicher die fast sprichwörtliche Ruhe, Ausgeglichenheit,  und Würde eines Neufundländers.
 
  Derry
 
Wir hatten Sorge, dass sich das Tragen eines Maulkorbes wegen seiner Operation im Welpenalter negativ auswirken würde, haben aber Zeit seines Lebens keine Negativauswirkungen beobachten können.
 
Wie sehr aber Hunde durch bestimmte Erlebnisse in ihrer Entwicklung geprägt werden können, zeigt die folgende Geschichte:
 
 
Unser Derry durfte damals noch viel frei umherlaufen, die Reglementierungen auf der Insel waren nicht so streng wie heute. Eines Abends machten mein Mann, Derry und ich unsere „letzte Runde" , die uns zum Teil durch die Dünen führte. Es war ein nebliger, dunkler Abend, Derry war ungefähr 8 oder 9 Monate alt.
 
 
Fröhlich lief er uns voraus, stürmte auf die Dünen, raste wieder runter und freute sich seines Hundelebens, als urplötzlich aus dem Dunkel hoch oben von einer Düne ein großer, heller  Schäferhund angeschossen kam, sich ohne jede Vorwarnung auf unseren jungen Hund stürzte und sich in seinem Hals verbiss. Derry jaulte auf, ich schrie auf und war im Moment vor Schreck wie gelähmt. Nicht so mein Mann, er versuchte, den riesigen Schäferhund von unserem Hund wegzureißen, aber es ging nicht, das Tier hatte sich dermaßen verbissen, dass es auf nichts reagierte.
 
 
Mein Mann traktierte den Schäferhund mit den Füßen, brüllte ihn an, nichts half. Weit und breit war der Besitzer des Hundes nicht zu sehen. Schließlich packte mein Mann den Schäferhund an seinem Kettenhalsband und fing an, ihm die Luft abzuschnüren. Das brachte endlich den gewünschten Erfolg: der Hund fing an, um Luft zu ringen, keuchte, öffnete seinen Fang, und Derry war frei. Ich riss ihn schnell zur Seite, mein Mann hielt immer noch den nach Luft schnappenden Schäferhund an der Kette. Ein Wunder, dass er nicht gebissen wurde.
 
Wie die Geschichte ausgegangen wäre, wenn nicht in diesem Moment doch der Besitzer erschienen wäre, ich mag gar nicht darüber nachdenken.Der Mann rief scharf seinen Hund, bedachte uns noch mit ein paar unfreundlichen Worten und verschwand im nebligen Dunkel.
 
Damit war die Geschichte nicht zu Ende, für Derry wenigstens nicht. Bis an sein Lebensende , also noch fast 12 Jahre, war er durch diesen Vorfall geprägt. Der Schäferhund hieß Harras, allein das Wort machte Derry unruhig, und er guckte wie wild nach allen Seiten, wo der verhasste Feind wohl sei.
 
Wenn wir anderen Hunden begegneten, egal welcher Größe und Rasse, war Derry stets freundlich, bei Hündinnen liebenswürdig, bei Rüden etwas abwartend, doch nie böse. Wenn wir jedoch einem Schäferhund begegneten, sträubten sich ihm automatisch die Haare, und er bekam eine Bürste auf dem Rücken. Es könnte ja Harras sein! Erst wenn der fremde Schäferhund näher geruchsmäßig identifiziert war, wurde er angewedelt.
 
Wenn wir an dem Gebäude vorbeigingen, wo Harras wohnte und seine Hütte draußen hatte, lief unser Hund nur mit gesträubtem Fell vorbei und ließ sich so groß und imposant erscheinen wie möglich. Wir hatten Glück, die beiden Rüden sind sich nach dem Vorfall nie wieder frei begegnet. Derry war unterdessen zu einem kräftigen Rüden herangewachsen, ich weiß nicht, ob Harras gegen ihn noch eine Chance gehabt hätte.
 
Harras war schon älter und verstarb bald darauf. Darüber waren nicht wenige Leute froh, denn auch mit anderen Hunden hatte es oft unliebsame Vorfälle gegeben. Doch das Ableben seines Feindes hat unser Derry nie begriffen, bis ins hohe Alter hinein lief er an dem Anwesen nur mit gesträubten Haaren vorbei.
 
So lange kann eine Kindheitsprägung vorhalten.
 
Beim Thema Prägung fällt mir noch eine andere Neufundländergeschichte ein, die allerdings, Gottseidank, nicht unseren Derry betrifft.
 
Eines Tages rief mich eine Norderneyer Bekannte an und teilt mir ganz glücklich mit, sie hätten nun auch einen Neufundländer, aus dem Tierheim in Hage. Man hatte den großen Rüden irgendwo in der Urlaubszeit in der Nähe der Stadt Norden herrenlos aufgegriffen, es war nicht festzustellen, wem er gehörte, und es holte ihn auch niemand ab. Er schien seinen Besitzern lästig geworden zu sein.
 
Niemand konnte sich vorstellen, warum. Weil er so lieb und friedlich zu sein schien wie man es von Neufundländern erwartet, wurde er nach Norderney an diese kinderreiche Familie vermittelt. Die Kinder waren alle schon größer, so ab 12 Jahre und älter. Alle Familienmitglieder waren ganz stolz auf die neue Errungenschaft. Der Anruf bei mir hatte nur den Grund, sich etwas näher über die Gewohnheiten der Rasse zu informieren.
 
Danach hörte ich eine Zeitlang nichts von der Familie, sah sie aber auch nie mit dem Hund laufen. Als ich meine Neugier auf den zweiten Neufundländer Norderneys (Derry war bis dahin der einzige gewesen) nicht länger bezwingen konnte, rief ich meinerseits bei der Familie an und.....bekam etwas Schreckliches zu hören, das mich sprachlos machte.
 
Der Hund war nicht mehr auf der Insel, auch nicht wieder im Tierheim, der wunderschöne, noch gar nicht so alte Neufundländer war eingeschläfert worden.
 
Es hatte sich ein Vorfall ereignet, der zu großen Bedenken Anlass gab. Spielende kleine Kinder mit Gummistiefeln brachten das sonst so sanfte Tier zur Raserei. Der Rüde wollte sich auf diese Kinder stürzen und war kaum zu halten.
 
Natürlich wollte die Familie ihn nicht mehr haben, so eine „Zeitbombe" will ja wohl niemand im Haus haben. Das Tierheim nahm ihn zurück und schläferte das arme Tier, das ja mit Sicherheit nichts für seine negative Prägung konnte, umgehend ein.
 
Diese Aggression wird auch wohl der Grund gewesen sein, dass die ursprünglichen Besitzer ihn einfach ausgesetzt hatten. Was für ein Risiko waren sie eingegangen! Und wie gut, dass nichts passiert war!!