Eigene Geschichten 49
Blutegel als lebendige Apotheke
Ich war eben über 20 Jahre alt, als ich eines Abends an meinem Bein eine rote Stelle bemerkte, die schnell dicker wurde und ziemlich schmerzte. Gleich am nächsten Morgen musste ich, weil der Schmerz immer stärker und die „Beule” immer größer wurde, einen Arzt aufsuchen. Er diagnostizierte eine Venenentzündung in der linken Wade, verordnete mir eine Salbe, und ich musste jeden Tag in die Praxis zum Nachsehen kommen.
Die Venenentzündung war hartnäckig, also beschloss der Arzt, ein anderes Mittel, ein altes Hausmittel anzuwenden: Medizinische Blutegel!! Mich schüttelte es nur so! Die Vorstellung, mehrere dieser Tiere auf mein armes Bein gesetzt zu bekommen, machte mich noch kränker als ich mich ohnehin schon fühlte.
Mundsaugnapf des Egels
Eine kleine medizinische Information als Einlage:
Der Egel wird in ein kleines Gläschen gegeben und damit auf die gewünschte Stelle aufgesetzt, bis der Biss erfolgt. Dann wird das Glas entfernt. Die Saugzeit beträgt 20 Minuten bis mehrere Stunden, dann fallen die Tiere von selbst ab. Man muss mehrere Stunden nachbluten lassen, bevor man die Bißstelle durch einen sterilen Verband schließt. Ein Blutegel saugt ca. 10 bis 15 ccm Blut, ca. das Fünffache geht durch Nachbluten verloren. Blutegel werden vor allem zur Erweichung verhärtetet Gerinnungsknoten der Venen verwendet, örtlich hemmt der Blutegel die Gerinnung, löst Gefäßkrämpfe und bekämpft Entzündungen.
Die Blutegel sollten also durch das Hirudin, das sie beim Biss in den Körper ausschütten, den Thrombus auflösen.
Der alte Hausarzt gab mir jedoch noch eine Chance: „Wenn es in drei Tagen nicht wesentlich besser ist, dann werde ich diese Methode anwenden. Bis dahin laufen Sie, so viel Sie können, dadurch werden die Venen gut durchpumpt und wenn Sie Glück haben, reicht das aus.”
In den folgenden Tagen sah man mich „um mein Leben” laufen, stundenlang am Strand entlang. Dort sahen mich wenigstens nicht so viele Einheimische, denn eine Lehrerin , die krankgeschrieben ist und den ganzen Tag „spazierengeht”, die ist ja gar nicht richtig krank!!
Die Blutegel bekamen bei mir keine Gelegenheit zum Saugen!! Nach einigen Tagen war die Entzündung weg, und ich war heilfroh, den kleinen Vampiren nicht zum Opfer gefallen zu sein.
Fast 15 Jahre später machten wir mit unseren Kindern Urlaub in der Lüneburger Heide . Wir standen mit unserem Wohnwagen auf dem Gelände eines großen Bauernhofes, dazu gehörte auch ein Teich, in dem unsere und andere Kinder badeten.
Eines Tages kamen sie mit einer gelben Plastikschüssel an, in der sich merkwürdige braune Tiere befanden, in einer ziemlich großen Menge. Es waren Egel, aber natürlich keine medizinischen Blutegel, sondern wahrscheinlich Pferde-Egel. Diese Egel saugen gar kein Blut bei Säugetieren, aber das wusste ich damals noch nicht. Meine Kinder mussten sie wenigstens sofort zurückbringen und durften nicht mehr in dem Tümpel baden.
Heute habe ich eine andere Einstellung zu medizinischen Blutegeln bekommen und würde sie als Behandlung akzeptieren. Besser als irgendeine „Hammerbehandlung” mit Medikamenten, wo die Nebenwirkungen so zahlreich sind, dass man den Teufel mit Beelzebub austreibt.
Pferde-Egel
Infos: