Eigene Geschichten 8
Gagack, unsere kleine Ente
Die Geschichte beginnt wie alle anderen auch. Es klingelt bei uns an der Haustür, diesmal ist es Christian aus der 3. Klasse. Was er da in der Hand hält, sieht nicht gerade erfreulich aus. Eine kleine, stark blutende Ente, vielleicht 1-2 Tage alt. Ein Bein ist fast abgerissen.

Keine Sorge, es geht nicht so blutig weiter, und es geht auch gut aus. Bei uns auf Norderney gibt es am Schwanenteich im Frühling viele Stockenten, die unzählige Junge ausbrüten. Sie werden gerne von den Kindern und Kurgästen gefüttert, und es sieht ja auch zu niedlich aus, wenn sie mit ihren vielen Jungen, oft über 10 Stück, durchs Wasser gleiten. Dem aufmerksamen Beobachter, der sich häufiger am Teich aufhält, wird aber nicht entgehen, dass die Anzahl der Entenküken sich im Laufe weniger Tage verringert, bis es oft nur noch 1 oder 2 Küken pro Entenmutter sind. Grund dafür sind die zahllosen gefräßigen Silbermöwen, die wie Geier über dem Schwanenteich kreisen, herabstürzen, sich ein Küken packen und dann....den Rest kann man sich ja vorstellen.

Dieses kleine Küken hatte insofern Glück gehabt, dass die Möwe es „nur” am Bein erwischt hatte, und dass die Kinder sie jagten, so dass sie ihre Beute wieder fallen ließ. Die kleine Ente landete im Gras. Wegen ihrer starken Verletzung konnte sie nicht wieder ins Wasser gesetzt werden. An Schwimmen war nicht zu denken. So landete sie bei uns.
Unsere Kinder waren entzückt. So was hatten wir noch nicht gehabt. Eine große Ente ja, aber so eine süße kleine noch nie!! In Christine erwachte die medizinische Ader und ein Entenmuttergefühl. Sie pflegte zunächst das Bein gesund. Das heilte ziemlich schnell , aber zurück in den Teich konnte das Tier nicht mehr, weil wir ja nicht wussten, zu welcher der zahlreichen Entenmütter es gehörte.
Also mussten wir die Ente großziehen. Das Füttern war einfach. Enten fressen ja so ziemlich alles, und unsere Kinder schleppten aus den Gräben Norderneys nahrhafte Sachen herbei. Die Ente hielt sich vornehmlich draußen auf dem Hof auf. Entweder schwamm sie in einem großen Planschbecken, oder sie lief in einem großen Meerschweinchenverschlag, den Alfred mal gebaut hatte, im Gras umher. Wenn sie schwamm, musste immer einer von uns Wache schieben, weil innerhalb weniger Minuten die stets wachen Möwen über unserem Hof kreisten und nur auf eine günstige Gelegenheit lauerten, sich das Tierchen einzuverleiben.

Unsere Ente wuchs und gedieh. Die Zeit der Sommerferien nahte, aber Entchen war noch nicht erwachsen genug, um ausgesetzt zu weren. Also nahmen wir sie mit in den Urlaub zu unserem Wohnwagen. Das war so um 1982, wir verbrachten schon damals jede freie Minute und vor allem die Ferien auf dem Campingplatz, weil es den Kindern dort so gut gefiel. In dem großen Kiessee konnten sie Schlauchboot fahren, baden oder angeln, beim Wohnwagen konnten sie zelten und... die kleine Ente pflegen.
Unterdessen wuchs sie so schnell heran, dass sie nur noch nachts in den großen Meerschweinchenkäfig kam. Der wurde zum Schutz vor Mardern in den Kombi gestellt. Den Tag danach musste das Auto dann auslüften. Bei Enten steckt man oben was rein, und es kommt auf der Stelle andersgeartet unten wieder raus. Das tägliche Saubermachen des Käfigs war das ekeligste von der ganzen Geschichte.
Übrigens, sie hieß Gagack. Den Namen hatte sie gleich am ersten Tag bekommen. Wir hatten damals noch unseren ersten Hund Derry, auch einen Neufundländer, sehr lieb, aber wild und neugierig auf den neuen Mitbewohner. Damit die kleine Ente keinen Schock fürs Leben bekam, wenn so eine große, schwarze Bestie auf sie zustürmte, riefen wir, als Derry angerast kam: „Gagack beißt!” Gleichzeitig kniffen wir den Hund ins Ohr, so dass es ihm etwas weh tat und er es mit der Ente in Verbindung brachte. Er war sehr lernfähig. Nur kurz die Warnung, und er ließ die Ente ein für allemal in Ruhe. Er hatte sogar einen Heidenrespekt vor ihr.
In den Sommerferien zeichnete sich ab, dass die Ente ihr richtiges Gefieder bekam und ein wunderschöner, farbiger Erpel wurde. Time to say goodbye!! Alfred machte sich mit Christine auf die Suche nach einem geeigneten Platz. Sie waren in Delmenhorst im Tiergarten, in Oldenburg im Schlosspark, bei einigen Tümpeln im Hasbruch bei Hude und dergleichen mehr. Aber nichts war meiner Tochter gut genug. Zu klein, zu einsam, zu laut, zu gefährlich, zu wenig Futter und dergleichen Argumente mehr.
Doch dann musste Christine sich von uns verabschieden. Sie war angemeldet zu einem Jugendwaldeinsatz im Weserbergland. Bis zum letzten Augenblick schärfte sie uns ein, wie wir uns verhalten müssten, und dass wir ja nicht die Ente auf Norderney aussetzen sollten. Dort würde sie nur abgeschossen!! Damit hatte sie nicht Unrecht. Im Herbst, meistens im November, geht bei uns die große Entenjagd los. Das Schicksal, im Bratentopf zu landen, wollten wir ihr, nein ihm, ersparen.
Auf der Rückfahrt nach Norderney machten wir Station in
Lütetsburg, in der Nähe der Stadt Norden. Dort ist hinter einem Schloss ein wunderschöner Park, von unzähligen Gräben durchzogen. Und jede Menge anderer Enten!
Dort ließen wir Gagack vorsichtig in der Nähe einer Gruppe Enten ins Wasser. Alfred filmte die Freilassung als Beweis für Christine, mir klopfte das Herz bis zum Hals. Was würde passieren?? Erst scheuchten die Enten den „Neuen” weg, dann aber siegte die Neugier, und er schwamm mit ihnen auf Nimmerwiedersehen davon.