Eigene Geschichten 51
Mittsommernacht
(Ein geruhsames Wochenende)
21. Juni, der längste Tag, die kürzeste Nacht des Jahres. Dieses Jahr (2003) wurde sie für mich unvergesslich.
Es sollte ein erholsames Wochenende werden.
Wir machten Wochenendurlaub bei unserem Wohnwagen und hatten wie üblich, die drei Tiere mit. Unser Paradies ist auch ihr Paradies. Sie lieben es alle drei, dort zu sein, die Umgebung des Wohnwagens lädt die Katzen zum Stromern ein, der Wohnwagen ist ihre Hütte, in der man bei Gefahr Zuflucht findet. Wenn die Nächte so warm sind wie im Sommer, bleibt die Wohnwagentür nachts auf, Lara „bewacht unseren Schlaf”, und die Katzen können aus- und eingehen wie sie wollen. Ich habe die Bestimmungen unterdessen wieder gelockert, denn als Bonnie mir mitten in der Nacht mal eine lebende unversehrte Maus ins Bett legte, hatte ich genug, und die Tür blieb vorübergehend nachts zu. Das war aber auch nicht in unserem Interesse, denn wir kamen gar nicht mehr zum Schlafen, entweder kratzten die Katzen innen, weil sie rauswollten oder sie bearbeiteten die Tür von außen wie besessen, weil sie wieder reinwollten.

Die Mittsommernacht ist lang, es blieb lange hell, also gingen unsere beiden Felltiger auch erst spät schlafen, turnten über unsere Körper und suchten sich dann einen Platz in unserer Nähe, möglichst so nah, dass man sich nicht mehr zu bewegen wagte.
Mitten in der Nacht, kurz vor 4 Uhr morgens stand dann mein Zuckerkater Clyde plötzlich mit den Vorderbeinen auf meinem Rücken. „Aufwachen, Frauchen, es ist hell. Ich habe Hunger!!!!!!!” Verschlafen tastete ich nach dem Wecker. „Clyde”, versuchte ich ihn zu überreden, „es ist doch noch mitten in der Nacht , du bekommst noch lange kein Futter (er ist Diabetiker und hat feste Futterzeiten). Schlaf weiter!!”
„Na schön, Frauchen, wenn du noch nicht aufstehen möchtest, schmusen wir noch eine Runde.” Kopf an Kopf mit meinem Kuscheltier, das laut schnurrte, versuchte ich wieder einzuschlafen. Seine Schnurrbarthaare kitzelten im Gesicht, ich drehte mich um. Der Kater folgte wohlwollend auf die andere Seite. Wange an Wange mit Frauchen ist doch am schönsten, dazu noch mit den Pfoten ausholen und ein bisschen die Krallen raus- und reinfahren. Leider hakte er damit dauernd in meinem T-Shirt fest, und ich musste ihn lostüdern. Wieder auf die andere Seite drehen, das Ganze von vorn. Nach einer halben Stunde hatte er mich weichgekocht. Ich stand auf, es war 4.15 h, die Vögel zwitscherten schon lieblich, es war tatsächlich schon hell, Mittsommernacht.
Gegen den Hunger gab es nun ein erstes Diabetiker-Frühstück, das auch Bonnie, die unterdessen auch aufgewacht war, gerne mitfutterte. Dann verließen die beiden den Wohnwagen für ihre Katzengeschäfte, und wir hofften (unterdessen waren nämlich auch Lara und mein Mann wach), noch etwas weiterschlafen zu können.
Weit gefehlt. Es dauerte höchstens 5 Minuten, als draußen die Amseln böse anfingen zu schimpfen und zu zetern. Sie hatten halbflügge Junge, man hörte einige von ihnen um Futter betteln, und die Eltern fürchteten um ihre Brut. Ihr Geschimpfe war weithin zu hören, ich stand auf und sah nach dem Rechten. Betätigten sich meine beiden etwa gerade als Vogelmörder? Oh nein, beide saßen ganz lieb im Vorzelt und freuten sich: „Fein, dass du auch schon aufstehst. Gibt es noch mehr Futter? Das eben war ja nur für den hohlen Zahn.” Ein Eßlöffel voll noch zum Freikaufen, dann wieder ab ins Bett. 4 Uhr 30 h, was für ein herrlicher Sommermorgen. Erst um 6.30 bekommt Clyde sein richtiges Futter und seine Insulinspritze. Zwei Stunden noch schlafen, Katzen versorgen und weiter schlafen, es ist Wochenende, ausschlafen ist angesagt!!!

Ausschlafen in der Mittsommernacht? Das darf nicht sein, so entschieden wenig später dann einige Krähen, die sich auch wohl an unseren fidelen Katzen störten und sie mit einem Mordsgekreisch begrüßten und zu vertreiben suchten. Von dem Gezeter wurden wohl alle Schläfer auf dem Campingplatz wach. Aufstehen, Krähen verscheuchen, wieder ins Bett.
Unerbittlich rückte die Uhr voran, unterdessen war der Kreislauf durch das viele Aufstehen in Schwung geraten, einschlafen ging nicht mehr. So kam es, dass wir an diesem Tag sehr früh frühstückten und uns dann tagsüber vom Stress der Nacht zu erholen versuchten.
Wenn man nachts so früh wach wird, muss man eben tagsüber schlafen. So dachten unsere beiden Katzen und schliefen an diesem Tag selig im Wohnwagen und im Gebüsch. Wir sind das gewohnt, sie kommen auf Pfiff und Rufen immer schnell wieder, wir müssen uns nicht sorgen, dass sie weit weglaufen. Sie halten sich stets in unmittelbarer Nähe auf.
Unterdessen war es Sonntagmittag geworden, am Nachmittag müssen wir spätestens so gegen 16 Uhr los, denn wir müssen ja noch ganz nach Norddeich und dort das letzte Schiff bekommen. Das wartet nicht auf uns.
Heimlich fing ich nach dem Mittagessen an, schon mal alles zusammenzuräumen. Danach wollten wir in Ruhe Kaffee trinken. Doch Ruhe war an diesem Tag ein Fremdwort. „Wo sind eigentlich die Katzen”, fragte ich meinen Mann. „Weiß ich nicht, Bonnie lag hier eben im Gras, Clyde liegt unterm Tisch im Wohnwagen”, antwortete er. Ich sah nach, beide Katzen waren urplötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Wir pfiffen und riefen, nichts. Wir rappelten mit der Futterdose mit dem geliebten Trockenfutter, nichts. Mein Mann suchte mit dem Hund in der näheren Umgebung, nichts. Als wenn es die beiden nicht gäbe, richtig unheimlich. Ich bekam ein flaues Gefühl in der Magengrube. Was wäre, wenn Clyde dort irgendwo mit einer Hypo liegt? Was wäre, wenn Bonnie doch wieder weiter wegläuft und nicht nach Hause findet? Was wäre, wenn die beiden nicht rechtzeitig kämen, so dass wir das Schiff nicht mehr kriegen können? Aus der eigentlich wohlverdienten Mittagsruhe unter lauschigen Bäumen und blühenden Büschen wurde also auch nichts. Äußerlich zwang ich mich zwar zur Ruhe, denn noch blieben zwei Stunden Zeit, aber innerlich brodelte es in mir schon heftig.
Die nächsten beiden Stunden vergingen, nun wurde es höchste Zeit, die Zelte abzubrechen und loszufahren. Doch keine Katze weit und breit, nur strahlender Sonnenschein, summende Insekten, Schmetterlinge, Sommer pur.
Mittlerweile hatten wir einen Plan gemacht, was wir machen wollten, wenn die Katzen nicht rechtzeitig kämen. Wir würden bis zum Abend warten, dann würden sie hoffentlich eingetrudelt sein, wir würden nach Norden fahren und dort im Haus meiner Mutter übernachten, wohl oder übel, und mit dem ersten Schiff frühmorgens um 6.35 h zur Insel fahren. Um halb neun mussten wir in der Schule sein, daran ging kein Weg vorbei.
Von Erholung konnte keine Spur mehr sein, in so einer Lage waren wir noch nie gewesen, und wir haben die Katzen schon oft mitgenommen.
Es war so, als ob die beiden sich verabredet hätten zu verschwinden. Und vielleicht hatten sie das ja auch getan. Kurz vor halb vier (höchste Zeit zum Aufbruch) tauchte Bonnie plötzlich aus dem hohen Gras auf, genau dort, wo wir x-mal gesucht hatten. Wir lobten sie überschwänglich, packten sie vorsichtig und sperrten sie erstmal mit Futter in den Wohnwagen ein. Kurze Zeit später kam Clyde, aus der gleichen Richtung, mit Unschuldsmiene und gähnte herzhaft. Sicher hatten beide selig geschlafen, den Schlaf der Mittsommernacht nachgeholt.
Nun wurde es hektisch. In aller Eile packten wir unsere Siebensachen und düsten los, Richtung Meer. Wir kamen noch pünktlich genug an und durften sogar noch ganz lange warten, denn wegen der Fronleichnam-Abreise auf der Insel fuhren die Schiffe im Pendelverkehr, und wir fuhren erst viel später ab.
Unser Gaunerpärchen Bonnie und Clyde hätte sich ruhig noch mehr Zeit lassen können.