Eigene Geschichten 9
Wie ich einem Spatz das Fliegen beibrachte
Die Geschichte ist so lange her, dass ich nicht einmal mehr weiß, von wem ich diesen kleinen Spatz bekommen habe. Wahrscheinlich von meiner Tochter. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie ihn auf unserem Hof gefunden hat. Er war aus der Dachrinne, wo Spatzen ja oft ihr Nest bauen gefallen und lag unten im Gras. Er war gerade geschlüpft, also total „Nackedei”, kein bisschen Federn. Prognose: keine Chance.
Nun hatte ich damals an der Grundschule eine Kollegin, die auch mal einen jungen Spatz großgezogen hatte. Und ich dachte, was die kann, kann ich vielleicht auch. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich in den folgenden Wochen zukam!!!!!
Den Spatz zu füttern, war kein allzu großes Problem. Er sperrte schnell von alleine sein Schnäbelchen auf, und ich benutzte als Ersatzschnabel zum Stopfen ein kleines Stäbchen, woran er sich nicht verletzen konnte. Ich glaube, wir fütterten ihn zunächst mit Kanarienvogelaufzuchtfutter, weil wir damals selbst viele Vögel hatten.
Aber das Füttern ging fast rund um die Uhr. Bis zum Dunkelwerden hatte mein Pflegekind Hunger und schrie lauthals danach. Und wenn es morgens hell wurde, kroch ich gegen 4 Uhr aus den Federn und fütterte meinen kleinen Spatz. Er war sehr zutraulich und liebte es, gestreichelt zu werden. Ich wärmte ihn an meinen Kleidern, und ganz sicher sah er mich als seine Mutter an.
Vormittags musste ich zur Schule, mein Mann Alfred auch, also musste der Spatz mit. Im Käfig nahm ich ihn mit und fütterte ihn zur Freude meiner Schulkinder den ganzen Morgen in kurzen Abständen. Und ab Mittag ging der Spaß zu Hause weiter, wochenlang. Wie viele Wochen, das weiß ich nicht mehr.
Der Piepmatz wuchs und gedieh und bekam sein Federkleid. Allmählich wurde er flügge. Damals herrschten bei uns auf dem Hof hinterm Haus noch paradiesische Verhältnisse. Nur durch einen kleinen, baufälligen Zaun getrennt, ging unser Hof nahtlos in die Dünen über. Heutzutage sind dort Altenwohnungen errichtet worden.
Ich ging also täglich mit unserm Spätzchen an die frische Luft, d. h. auf den großen Hof, und wir übten Fliegen. Ich konnte es ihm ja leider nicht vormachen, aber ich warf ihn immer ein bisschen hoch, er flatterte, landete im hohen Dünengras, und ich holte ihn wieder. Das trainierten wir jeden Tag ein bisschen mehr, und seine Flüge wurden immer besser, so dass ich immer weiter laufen musste, um ihn einzufangen. Denn noch war er mir nicht reif genug für die Freiheit. Da lauerten so viele „böse” Katzen, verwilderte Tiere, die ständig Hunger hatten.
Eines Tages aber hatte mein Training ein jähes Ende. Der Spatz saß auf meiner Hand auf dem Hof, schwang sich in die Luft, flog weg und ward nicht mehr gesehen. Das war´s denn!! Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Hoffentlich hat ihn nicht gleich eine Katze gefressen!
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