Eigene Geschichten 4
Ein kranker Austernfischer
Diese Geschichte beginnt im Winter, eigentlich ganz schlimm, denn der Strand auf der Insel lag voll von toten und sterbenden Austernfischern, die es in Mengen hier gibt. Sie waren nicht verölt wie der Tordalk (
Eigene Geschichten 1), aber man vermutete, dass sie sich irgendwie über die Nahrungskette vergiftet hatten. Es waren so viele, und es war so ein schrecklicher Anblick, dass wir schon gar nicht mehr an den Strand gehen mochten.
Eines Tages brachte uns ein Kind aus unserer Klasse einen dieser sterbenden Austernfischer. Wir gaben dem Vogel überhaupt keine Chance, denn als wir ihn bekamen, gab er so gut wie kein Lebenszeichen mehr von sich. Aber wir wollten das Kind nicht entmutigen, nahmen ihm den Karton mit dem Vogel ab und stellten ihn ins Badezimmer in die Badewanne. Dort war es schön warm und ruhig, zum Sterben, wie wir dachten.
Wir staunten nicht schlecht, als dieser Vogel wieder zum Leben erwachte. Er erholte sich zusehends, allerdings nicht so, dass wir ihn gleich wieder freilassen konnten. Diese Geschichte spielte sich im Januar ab, draußen fror es, und das Watt war vereist. So ein geschwächter Vogel hätte keine Chance gehabt, Futter zu finden.
Also durfte er weiter im Badezimmer wohnen. Den schönen Verschlag im Keller hatten wir leider nicht mehr, unsere Wohnungen wurden zu dem Zeitpunkt schon von einer zentralen Stelle aus beheizt.
Dem Vogel ging es tagtäglich besser, uns jedoch nicht!! Denn unsere Badewanne war umfunktioniert zu einem Lebensraum für Austernfischer. Dort stand sein Fressen, natürlich stinkiger roher Fisch, dort machte er seine Kleckse, und zwar nicht gerade kleine oder wenige. Immer, wenn wir duschen oder baden wollten, kam der Vogel für kurze Zeit in einen Käfig, und wir mussten erst einmal die Wanne desinfizieren.
Unsere Tochter Christine studierte damals in Göttingen. Ende Januar begannen die Semesterferien, und sie brachte zum ersten Mal ihren neuen Freund mit. Schon als ich sein entgeistertes Gesicht sah, als er vor der Badewanne mit unserem „Haustier” stand, wusste ich: Dieser Mann ist für meine Tochter nicht der Richtige! (Was sich später auch bewahrheitete, er hatte für ihre Tierverrücktheiten kein Verständnis.)
Insofern hätte man diesen Austernfischer auch als Härtetest nehmen können. Wer ihn nicht bestand, hatte bei uns ausgedient.
Den ganzen Februar blieb es draußen zu kalt. Erst im März wagten wir es, ihn in die Freiheit zu entlassen. Wir brachten ihn mit dem Auto zum „Campingplatz um Ost”. Der liegt direkt am Watt, und wir wussten, dass sich dort ganze Schwärme von Austernfischern aufhielten. Wir setzten ihn an den Rand des Watts, entfernten uns und hofften, er würde Anschluss finden. Ich hatte den betreffenden Nachmittag Unterricht und überhaupt kein gutes Gefühl.
Als ich wieder nach Hause kam, quälte ich meinen Mann mit dem Wunsch, noch einmal zum Campingplatz zu fahren. Gutmütig wie er ist, tat er mir den Gefallen. Und dort hockte immer noch fast an derselben Stelle, wo wir ihn freigelassen hatten, unser Austernfischer!! Von anderen Vögeln weit und breit keine Spur! Also nahmen wir ihn wieder mit nach Hause, und das Ganze ging von vorne los, noch einige Wochen.
Beim zweiten Versuch jedoch klappte es. Hunderte von Austernfischern suchten im Watt nach Nahrung, als wir unseren aus dem Pappkarton rausließen. Er hörte ihre typischen Schreie , wurde ganz aufgeregt, dann flog er davon und reihte sich in die Masse der Vögel ein, so dass wir nicht einmal mehr sehen konnten, welches denn nun „unserer” war.
Glücklich fuhren wir nach Hause, mit dem festen Vorsatz, nicht so schnell wieder ein Tier aufzunehmen, doch das sollte sich schnell ändern. Lies dazu die nächste Geschichte unter
Eigene Geschichten 5!