Geschichten 55
Chico, der Molukkenkakadu
erzählt von ihm selbst, aufgeschrieben von Uschi
Vor ca. 27 Jahren wurde ich, Chico, von meinen damaligen Pflegern, mit meinem Partner, einem kleinen Weißhaubenkakadu, an einen Züchter verkauft. Man wollte uns nicht mehr, da wir mit unseren kräftigen Schnäbeln einige Möbelstücke angeknabbert hatten.
Der Züchter setzte uns in einen kleinen Käfig und wollte nur mich, Chico, verkaufen. Meinen Partner, ein Männchen, wollte er für die Zucht einsetzen. Er durfte, bis ich verkauft wurde, bei mir im Käfig bleiben.
Es vergingen nur wenige Tage, da kamen meine heutigen Pfleger. Sie wollten eigentlich nur einen kleinen Papagei, doch mein Herrchen war in mich vernarrt. Ich war sehr schüchtern, traute mich nur kurz auf die Hand, dann aber schnell wieder in den Käfig, und ich flüchtete in eine geschützte Ecke. Mein Partner hingegen war sehr temperamentvoll. Kletterte bei Frauchen auf die Schulter und machte seine Späße. Da mein Partner unverkäuflich war, entschloss man sich, nach einigen Überlegungen, doch für mich alleine. Ein großer Käfig mit Spielzeug wurde ausgesucht und mit nach Hause genommen. Mich holte man später ab, es sollte für mich schon alles bereit stehen.

Am 1. Januar war es soweit. Meine Pfleger holten mich ab. Der Züchter steckte mich in einen großen Schuhkarton und dann ging es in mein neues Heim. Gott sei Dank war die Fahrt nicht zu lang. Eng und dunkel war es. Ich war nervös. Was wird mit mir geschehen. Ich zappelte im Schuhkarton hin und her. Mein Frauchen war ganz aufgeregt und redete mir gut zu. Dann endlich, Schuhkarton auf, husch in den neuen Käfig. Da saß ich nun, wie angewurzelt, schaute mir die Umgebung und meine neuen Pfleger an. Ich rührte mich keinen Zentimeter, bekam Wasser und Futter, und man ließ mich in Ruhe. Wo war mein Partner? Warum durfte er nicht mit? Er war doch immer bei mir!
Nach einiger Zeit kamen meine Pfleger in die Küche um nach mir zu schauen. Ich saß immer noch da wie angewurzelt. Sie standen vor meinem Käfig und redeten mit gut zu. Vorsichtig steckten sie die Hand in den Käfig um mich zu streicheln, ich wollte aber nicht, ich hatte Angst. Man ließ mir meine Ruhe, ich sollte mich erst einmal eingewöhnen, was ich auch tat.
Am nächsten Tag habe ich meinem Käfig erkundet. Kletterte rauf und runter. Naja, groß war er ja nicht, aber es gab Holz zum Knabbern. Dann habe ich zum ersten Mal meinen Urwaldschrei losgelassen. Mein Frauchen ließ vor lauter Schreck das Messer fallen und schaute mich erstaunt an. „Daran müsst ihr euch gewöhnen ,ich werde mich, wenn ich von euch was möchte, jetzt immer so melden". Nach einigen Tagen traute ich mich schon auf die Hand, aber Streicheln ließ ich mich noch nicht , erst viel später.
Nach und nach bekam ich Vertrauen zu meinen Pflegern. Ich durfte aus dem Käfig und konnte mich frei bewegen. Streicheln und Schmusen gefiel mir plötzlich auch. Aber die Stunden, wo sie beide arbeiten waren, war ich allein. Ich dachte oft an meinen Partner zurück. Ach, war das schön! Ich hatte auf einmal Langeweile. Im Käfig gab es nichts Neues zu entdecken. Ich machte mich an meinem Federkleid zu schaffen. Knackte zuerst am Hals alle Federn an. Später zupfte ich sie einfach heraus. Meine beiden bekamen einen riesigen Schreck. Bücher wurden gewälzt. Tierärzte befragt. Mein Gefieder wurde mit bitteren Tinkturen besprüht. Nichts hat geholfen, jetzt erst recht! Alles wurde von mir abgebissen und rausgerupft. Ich sah schlimm aus. Nun wurde überlegt mir einen Partner anzuschaffen. Es wurden mir 2 Molukkenmännchen vorgestellt. Aber keinen von den beiden habe ich gemocht. Wo war mein Partner abgeblieben? Er hatte in der Zwischenzeit ein neues Weibchen gefunden und Nachwuchs bekommen. So sind die Männer!! Und ich bin immer noch allein. Meine Pfleger fuhren von Züchter zu Züchter. Kein Molukkenkakadu zu finden.
Dann kam ein Anruf vom Züchter. Er hätte gerade neue Papageien bekommen, darunter wäre ein "Graupapagei" der sehr temperamentvoll ist. Ein Graupapagei, was soll ich denn mit dem anfangen? Nur zur Unterhaltung? Die Grauen sollen sehr gut sprechen und pfeifen, das soll mich ablenken.
2 Tage später kam "Coco", der Graupapagei. Seinen Käfig stellte man neben meinen. Wir schauten uns skeptisch an. Nach einigen Tagen der Eingewöhnung fing "Coco" fürchterlich an zu schreien. Stunden um Stunden. Mir ging das gehörig auf den Wecker, und ich konterte mit meinem Urwaldgeschrei. Es war der Teufel los. Die Nerven von unseren Pflegern lagen blank. Man wußte keinen Rat mehr. Coco wieder abzugeben, kam nicht in Frage. Warum schreit Coco so? Warum rupft Chico? Diese Frage stellte man sich. Ein Radio wurde in das Zimmer gestellt, damit wir stundenweise, wenn wir alleine waren, Musik hatten. Na ja, war ganz nett gemeint, aber ERSATZ ist das nicht. Coco fing nach und nach an zu sprechen und zu pfeifen, doch das Schreien ließ er nicht.
Ich wurde immer zahmer. Aus Mangel an Molukkenmännchen habe ich mich dann an mein Herrchen herangemacht. Ich fing an zu glucken. Die beiden hatten ja keine Ahnung, was noch auf sie zukam. Einen kleinen, halben Baumstamm bekam ich zum Scharren. Ich war begeistert und fing sofort an, ihn zu bearbeiten und baute ein Nest. Die Zwei hatten immer noch nicht bemerkt, dass ich anfing, ein "Ei" zu produzieren. Kurz vor Weihnachten war es dann soweit, ich musste mein Ei legen. Aber wie, es war mein erstes "Ei". Es war so gegen 22 Uhr. Einen starken Druck verspürte ich im Bauch. Ich wurde unruhig. Rief nach meinen Pflegern. Sie kamen sofort. Ich drückte und drückte, quietschte leise. Frauchen legte ihre Hand unter meinen Popo und massierte leicht meinen Bauch. Nach etwa 5 Minuten hatte ich endlich das Ei gelegt. Ich war fertig, es war sooooo anstrengend. Man nahm mich auf den Arm und streichelte mich sanft. Coco, der Graue, sagte: Oooooch mein kleines Vögelchen, tut dir doch keiner was, oooooch! Erschöpft aber irgendwie glücklich schlief ich fest und tief und merkte nicht einmal, dass meine Pfleger hin und wieder nach mir schauten.
Die Jahre vergingen, ich rupfte nach wie vor weiter, auch wenn Coco mir den ganzen Tag etwas vorquatschte und Lieder sang oder pfiff.
Dann zogen wir in das Bergische Land. Wir Zwei bekamen ein großes Zimmer mit einer riesigen Voliere, ganz für uns allein. Darin konnten wir endlich herumtoben wie es uns gefiel. Man hoffte nun, ich würde endlich das Rupfen aufhören. Weit gefehlt, es wurde noch schlimmer, trotz der Superausstattung meiner Voliere mit viel Holz, Spielzeug und riesigem Holzkasten sowie Flugmöglichkeiten. Irgendetwas fehlt mir, aber was? Nun rupfte ich mir die Schwanz- und teilweise die Schwungfedern aus. Die neuen Federkiele wurden gleich aufgebissen bis Blut kam. Meine Pfleger waren wieder verzweifelt. Ich merkte, ich konnte ohne meine Schwanzfedern und Schwungfedern nicht richtig fliegen und ließ diese dann später wieder wachsen. Nun bekam ich Zusatzmittel in mein Trinkwasser, um die angeblich fehlenden Vitamine und Mineralstoffe auszugleichen. Geholfen hat es auch nicht.

Ich legte fleißig jedes Jahr 1-2 Eier. Je nach Lust und Laune auch mal 4 Eier. Dann hatte ich plötzlich "LEGENOT". Es war Januar. Ich hatte wieder kräftig in meinem Holzkasten gearbeitet und ein kleines Nest für mein Ei gebaut. Ich verspürte keinen Druck im Bauch, nichts. Ich fing an zu humpeln. Blieb in meinem Holzkasten und fraß nichts mehr. Man vermutete, ich hätte mich beim Herumtoben verletzt. Man holte mich aus meiner Kiste, tastete meinen Körper nach Verletzungen ab, fühlte, ob ein Ei in meinem Bauch sei. Da das Ei jedoch viel zu hoch lag, konnte man es nicht ertasten. Man entschloss sich, mich zum Tierarzt zu fahren. Gesagt, getan. Noch am gleichen Tag bekamen wir einen Termin. Ich wurde geröntgt und siehe da, dort konnte man das Ei deutlich sehen. Es war sehr groß, lag zu hoch und drückte auf meine Gelenke. Nun war klar, warum ich humpelte. Man gab mir eine Hormonspritze, und ich musste beim TA bleiben. Ein paar Stunden später habe ich das Ei gelegt und konnte wieder nach Hause. Ich war froh, endlich konnte ich mich wieder richtig bewegen, und der Appetit war wieder da.
Ich vergaß zu berichten: Coco hat sich, nachdem wir umgezogen sind, verliebt. Eine Freundin von meinem Frauchen brachte ihren Graupapagei zur Urlaubspflege. Coco war wie verändert, er hat nicht mehr geschrien. War immer dort, wo sich der andere Graue gerade aufhielt. Frauchen hat das sofort erkannt und die beiden zusammengesetzt. Seitdem sind sie zusammen. Hier gab und gibt es jedoch auch Probleme, aber das soll "COCO" selber erzählen.
Wir mussten wieder umziehen. Aus Platzgründen bekamen wir nun große Zimmervolieren. Hier lebten wir uns schnell ein. Es war ja alles vorhanden.
Auch hier legte ich jedes Jahr problemlos, und noch heute, 1-2 Eier.
Das Rupfen habe ich bis heute nicht ganz eingestellt. Viele Federn wachsen nicht mehr nach. Meine Pfleger akzeptieren mich so wie ich bin, sie haben auch die ständigen "Versuche" mich vom Rupfen abzuhalten, aufgegeben.
Sie versuchen, mein Leben und das der beiden Grauen so abwechslungsreich zu machen, wie es in ihrer Macht steht. Da wir Herdentiere sind, wird der Mensch es nicht schaffen, 100erte Papageien zu ersetzen, auch wenn er sich die allergrößte Mühe gibt. Einen Partner zu haben, auch in der Gefangenschaft, ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Hätte man mir nicht meinen Partner lassen können, mit dem ich so viele Jahre zusammen war? Wäre ich dann nicht zu einem "RUPFER" geworden? Warum hat man mich überhaupt gefangen? Warum lässt man uns nicht die Freiheit. Nur weil es "SCHICK" ist einen PAPAGEI zu besitzen?
Wir werden sehr alt, so zwischen 60 und 80 Jahre. Wenn wir gefangen werden, sind wir noch sehr jung, d.h., der Mensch hat uns, wenn wir gesund bleiben, ein Leben lang, im Käfig oder Voliere!!!!!!!
Ich lebe nun seit ca. 26 Jahre bei meinen Pflegern. Mein Tagesablauf sowie mein Leben habe ich nach dem Rhythmus meiner Pfleger angepasst. Morgens darf ich mit ins Bad, danach in die Küche, wo mein Kletterbaum steht. Unser Pfleger, Günter, bereitet unser Futter, unsere Pflegerin, Uschi, das Frühstück vor. Dann geht es ab in unser Zimmer und wir essen / fressen gemeinsam. Nach dem Frühstück mache ich „Flugsport", ich kann es kaum erwarten. Wenn meine Pfleger schon einmal in Eile sind und das Fliegen auf später verschieben möchten, dann bin ich richtig sauer und fange an zu schimpfen und zu toben. Das hilft !!! Danach mache ich, mit meinen Mitbewohner Coco und Cocoline, ein kleines Schläferchen.
Oft kam auch Kater "Pumuckel" uns besuchen und hat bei uns ein "Nickerchen" gehalten. Leider ist er nicht mehr bei uns, er ist im Katzenhimmel, wir sind alle noch sehr traurig.
Pumuckel
Wenn unsere Pfleger wieder nach Hause kommen, freuen wir uns sehr. Mit lautem Getöse werden sie begrüßt, dann ist was los!! Wir können es kaum erwarten, bis sie endlich bei uns im Zimmer sind. Ich darf auf die Schulter von meinem Pfleger, und wir gehen gemeinsam in die Küche, wo das Abendessen vorbereitet wird. Ich schaue ihnen gerne zu. Die beiden "Grauen" sind froh darüber, wenn sie für sich sind, dann können sie wieder "Dummheiten" machen. In der Küche bekomme ich so manche Leckerei oder wenn die Beiden gerade nicht aufpassen, nehme ich mir einfach was, das macht doch Spaß. Wenn das Wetter schön ist, sitzen wir alle gemeinsam auf der Terasse und genießen das Abendbrot. Ich darf "frei sitzen", weil ich "superzahm" bin und auch aufs Wort höre. Auch will ich ohne Ende schmusen und gekrabbelt werden. Wir bleiben so lange zusammen, bis wir Vogelkinder müde sind. Nicht jeder Tag läuft gleich ab, es gibt auch Tage wo unsere Pfleger nicht zu Hause sind, und das finden wir nicht toll.
Ich kann noch weitere wahre "Geschichten" erzählen, doch die möchte ich für später aufheben.
Ich hoffe, meine „Geschichte" hat euch gefallen, und wenn ihr euch einen Papagei anschaffen wollt, überlegt es euch gut und gibt ihm unbedingt einen Partner, den er sich selber auswählen darf.
Euer „Chico”
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