Eigene Geschichten 12
Was baumelt da denn?
Gewöhnlich geht bzw. fährt mein Mann Alfred bei uns einkaufen. Das ist schon immer so gewesen, wir haben uns die Arbeit, die anfällt, eingeteilt, da wir ja beide berufstätig waren bzw. noch sind.
An diesem Tag hatten wir was vergessen, eine Kleinigkeit, und ich wollte nur eben zum „Kleinen Konsum an der Ecke”. So nennen wir einen kleinen Laden in unserer Nähe. Ich besorgte die Kleinigkeit und kehrte nach Hause zurück, als ich plötzlich unweit unserer Wohnung einen Menschenauflauf auf der Straße sah.
Wäre ich nun nicht so neugierig gewesen, könnte ich die heutige Geschichte nicht schreiben, aber ich war neugierig. Alle Leute, überwiegend Kurgäste, reckten die Hälse und starrten nach oben. Ich auch, und was hing dort vom Baum runter, kopfüber und ängstlich flatternd: eine Lachmöwe.
Lachmöwe
Sie hing an einer Perlonangelschnur, die sich in ihrem Flügel verheddert hatte. Keine Aussicht, dass sie sich je von alleine befreien konnte. Die Leute schnatterten aufgeregt durcheinander: Das arme Tier! Da muss man doch was tun!! Kommt denn hier keiner??? Und dergleichen mehr.
Ja, es kamen Helfer. Der Baum, an dem das arme Tier hing, stand auf dem Gelände des Seehospizes (damals noch ein Kinderkrankenhaus). Der Hausmeister und noch ein Mann kamen mit einer Leiter, nicht sonderlich begeistert, einer der beiden kletterte auf die Leiter, nahm eine Schere, und ehe auch nur irgendjemand es verhindern konnte, schnitt er einfach die Angelschnur durch, und die Möwe knallte auf die Straße.
Ja, eben hatten da wohl noch mindestens 20 Leute gegafft, plötzlich waren sie alle weg. Nur ich stand da noch, mutterseelenallein mit der Möwe. Auch die Männer vom Seehospiz waren weg. Ich näherte mich dem flatternden Tier und dachte, bei dem Sturz hätte es sich sicher ernstlich verletzt. Ich nahm die Möwe mit nach Hause, um sie (wie schon oft) dort in Frieden sterben zu lassen. Auf der Straße konnte sie ja schließlich nicht liegenbleiben.
Meine Tochter Christine war damals etwa 14 Jahre alt und mir in solchen Dingen unterdessen eine tüchtige Hilfe. Zuerst befreiten wir das Tier von der Schnur. Das muss man sich vorstellen: mitten im Gelenk des Flügels hatte sich die Schnur verheddert und alles blutig aufgeschnitten. Wir brauchten viel Zeit, um die Schnur zu entfernen. Andere Verletzungen waren nicht zu erkennen, ob sie innere hatte durch den Sturz, wussten wir nicht.
Christine legte der Möwe fachmännisch einen Flügelverband an. Wir hatten ja Vogelbücher, wo so etwas drinstand. Dann kam das Tier in einen hohen Karton, wo es sich möglichst wenig bewegen konnte. Die Lachmöwe kippte nämlich dauernd um. Wegen des Verbandes konnte sie irgendwie das Gleichgewicht nicht halten. Aber Möwen sind zäh. Sie fraß alleine, das ist bei einer ausgewachsenen Möwe meistens kein Problem, der Rest war eine Frage der Zeit. Der Flügel heilte, die Frage war nur, ob sie noch damit fliegen konnte. Innere Verletzungen schien sie trotz des Sturzes aus großer Höhe nicht erlitten zu haben.
Nach etlichen Wochen der Pflege kam der Tag der Freiheit. Wir fuhren mit ihr an den Südstrandpolder, das ist ein Deichgebiet mit großem Vorland, wo bei Ebbe viele Seevögel aller Art sitzen. Oben auf dem Deich ließ Christine die Möwe fliegen, und siehe da, sie konnte es noch mühelos, war bald nur noch ein kleiner weißer Punkt und gesellte sich zu den vielen anderen Möwen im Watt. Und für uns ging mal wieder eine Episode zu Ende.