Geschichten 60
Zuckerkater Charly erzählt aus seinem Leben
Mai 1996
Anzeige: Böblinger Wochenblatt:
Notfall !!….. schöner brauner Kater mit grünen Augen, kein Schmusekater, nur in gute Hände abzugeben….
Ich bin Charly, 13 Jahre jung, als Katzenbaby verhätschelt und verwöhnt. Dann in einem Rosenkrieg zwischen Herrchen und Frauchen vom Herrchen geschlagen und getreten. Als ich 3 Jahre alt war, floh ich mit Frauchen vor meinem Peiniger.
Ich zog mit Frauchen in eine Frauen-WG. Hier gab es dann wieder Schläge. Dieses Mal waren es nicht die Menschen, nein, es waren Milli und ihre Schwester, ein wunderschönes Katzenpärchen. Sie hatten mich zum Feind Nr. 1 erkoren. Ein halbes Jahr ging das so, nicht einmal auf meine Katzentoilette konnte ich mehr gehen. Zu meiner Sicherheit, sagte man mir, wurde ich dann Tag und Nacht in ein kleines Zimmer gesperrt. Es war schlimm und das Essen schmeckte mir nicht mehr. Von stattlichen 7 Kilogramm auf 3,5 Kilogramm abgemagert konnte mein damaliges Frauchen nicht mehr zusehen. Sie setzte schweren Herzens eine Anzeige ins Wochenblatt.
Schöner brauner Kater mit grünen Augen.....
….. den Text kennt ihr ja schon
Mir war es gar nicht wohl dabei, und ich hatte so große Angst. Wer da wohl kommen würde?
Sie kam - noch am gleichen Tag als die Anzeige erschien. Es klingelte, ich versteckte mich auf dem Schrank im hintersten Eck. Doch da schauten ein paar braune Augen in meine grünen Augen…..und die Stimme….. ich glaube, es war Liebe auf den ersten Blick. Dann ging alles sehr schnell, ich war ja auch ein Notfall. Kratzbaum, Katzenklo, Spielzeug und Futter, alles wurde ins Auto gepackt. Dann kam ich in meinen Katzenkorb, und wir fuhren in mein neues Zuhause. Das Gefühl, dass die Doris ( "altes" Frauchen ) mich ganz schnell loswerden wollte, hat mir sehr zu schaffen gemacht. Da hab ich dann doch auch meinen Stolz gehabt. Wenn Doris zu Besuch kam, begegnete ich ihr mit Verachtung oder anders gesagt, ich kannte sie einfach nicht mehr. Nicht einmal ihre Tränen berührten mich.
In meinem neuen Hause war dann alles ganz anders. Ich hatte die ganze Wohnung und zwei Dachterrassen für mich. Nicht schlecht, dachte ich, aber sollte ich deswegen mit meinem neuen Frauchen kuscheln und schmusen? Nett ist sie ja, das Essen schmeckt, alles in bester Ordnung. Nein, ein gesundes Misstrauen ist manchmal gar nicht so schlecht, dachte ich, und so ab und zu mal fauchen, kratzen und beißen auch nicht. Schmusen ist doch nichts für harte Kater.
Viele schöne Katerjahre sind nun seither vergangen. 2000 sind wir von Württemberg nach Baden gezogen. Frauchen hat einen neuen Job bekommen.
Die neue Wohnung ist auch ganz schön. Aber zwei Terrassen waren besser als eine Terrasse. Na ja, man kann ja nicht alles haben. Nette Nachbarn, die man besuchen kann, sind auch nicht schlecht.
2002 im November fing dann alles an. Deshalb schreibe ich Euch meine Geschichte.
Ich hatte auf einmal sehr viel Hunger und musste sehr viel trinken. Auf die Katzentoilette musste ich auch sehr oft. Aus dem Maul roch ich nach Nagellack. Es ging mir nicht gut. Frauchen machte sich große Sorgen. Der Besuch beim Tierarzt ergab kein positives Ergebnis. Der Tierarzt sagte: „Diabetes mellitus - keine große Chance bei Katzen, wahrscheinlich muss zum Wohle des Katers eine Entscheidung getroffen werden. Aller Wahrscheinlichkeit müssen wir ihn einschläfern. Bei 4,5 Kilogramm spritzen Sie mal 2x täglich mindestens 3 IE Caninsulin. Geben Sie einen Tag sehr viele Einheiten, dann wieder weniger und am 3. Tag wieder mindestens 2 x 3 IE. Der Biorhythmus einer Katze verlangt so eine Vorgehensweise."
Traurig gingen an diesem Tag Frauchen und ich nach Hause. Frauchen spritzte mir 3 IE Caninsulin. Sie wollte mich ja nicht verlieren. Nach dem ersten Schrecken setzte sie sich dann den Computer und surfte im Internet - Forum Katzendiabetes - das war schon mal superklasse. Ein Forum, über das man sehr viele wichtige Informationen zu Katzendiabetes bekommen kann. Außerdem kann man Menschen mit Erfahrung fragen. Man kann sich austauschen. Es gibt eine Email Adresse, da kann man mit Helga Kontakt aufnehmen und viele gute Ratschläge von ihr und aus dem Forum bekommen. Viel Zuspruch und positive Perspektiven halfen uns die Behandlung anzugehen.
Das erste Jahr mit Diabetes war nicht so besonders schön. Caninsulin habe ich nicht vertragen, „Achterbahnfahrten" mit den BZ Werten waren Alltag. Insuvet Protamin Zinc war das Insulin, das dann folgte und das ich bis zum heutigen Tag bekomme (2 Jahre).
Mehrere Tierarztwechsel und Erkrankungen wie Harnwegs- und sonstige Infekte gehörten leider auch zu meinem neuen Zuckerkaterleben. Kooperativ war ich am Anfang auch nicht gerade. Frauchen hatte es nicht leicht mit mir. Insulinspritzen ging ja gerade so, aber Hometesting, das war nicht mein Ding. Das musste aber wirklich auch nicht sein, dachte ich am Anfang. Viele Verstecke halfen mir, das BZ-Testen zu boykottieren. Die Spritzen zur Stärkung meiner Immunabwehr waren auch nicht so besonders angenehm.
Aber es ging mir mit jeder Spritze besser. Ich glaube, da gab es einen Ruck in mir. Nun war es Zeit, Frauchen zu unterstützen und mich bei ihr zu bedanken. Kuschel- und Schmusestunden sind auf der Tagesordnung nun nicht mehr wegzudenken. Auf mein Insulin warte ich jetzt schon, genau zur richtigen Uhrzeit. Hometesting ist doch das Normalste auf der Zuckerkaterwelt. Zum Tierarzt gehe ich jetzt sehr gerne. Sie sind sehr nett. Sie nennen mich den kleinen Prinzen, und Frauchen bekommt sehr großes Lob. Blutabnehmen ist in Ordnung. Beim letzten großen Screening, was das auch heißen mag, waren im Mai 2005 alle Blut- und Untersuchungswerte in Ordnung. Der Fructosaminwert war noch etwas zu hoch. Das kam von meinen Magenproblemen, wahrscheinlich Magenschleimhautentzündung, sagt der Tierarzt. Ist inzwischen schon behandelt, und alles ist wieder in Ordnung.
Seit November 2004 habe ich mein altes Kampfgewicht von 6,8 Kilogramm wieder und nach 2 ½ Jahren als Zuckerkater kann ich nur sagen:
So ein Zuckerkaterleben ist doch ein so wunderschönes Leben !
Euer Charly & Frauchen Maggie