Eigene Geschichten 1
Im Laufe der vielen Jahre, die wir auf der Insel wohnen, haben wir viele Geschichten mit Tieren erlebt, vor allem mit Vögeln.
Ölpest
Auf unserem Aquarium im Wohnzimmer steht ein merkwürdiger Vogel, ausgestopft. Eigentlich verabscheue ich ausgestopfte Tiere, aber diesen haben wir für teures Geld ausstopfen lassen, weil wir zu ihm eine ganz eigene Beziehung hatten.
Es ist ein Tordalk. Er brütet zum Beispiel auf Helgoland auf den Felsen. Ob unser Vogel daher stammt, wissen wir nicht, er war nicht beringt.
Vor vielen Jahren, genau weiß ich es nicht mehr, war wieder einmal
Öl von einem Tanker in die Nordsee abgelassen worden. Es war im Winter, und dann überwintern dort auf dem Wasser Trottellummen, Papageientaucher, Tordalks, Basstölpel usw.
Jede Menge dieser armen, ölverschmierten Tiere lag bei uns und auf den anderen Inseln am Strand, zum Teil tot, zum Teil sterbend.
Eines Sonntagsnachmittags, Alfred und ich waren gerade in der Küche, wo wir den Blick zur Straße haben, kam ein Mädchen aus der Nachbarschaft vorbei und hielt etwas an ihre Jacke gepresst, so als ob sie es wärmen wollte. Geradewegs ging sie auf unseren Hauseingang zu, und mir schwante Schlimmes. Wie ich bereits erwähnte, waren wir jahrelang Anlaufstelle für verletzte und halbtote Tiere aller Art. Und jedesmal war es mit viel Arbeit, Schmutz und vor allem Kummer verbunden, denn die meisten dieser armen Geschöpfe konnten wir nicht retten.
Das Mädchen hielt einen verölten Vogel auf dem Arm, von einer Sorte, die wir noch nicht gehabt hatten. Bis dahin hatten wir nur viele verölte Trottellummen gepflegt, aber sie waren an der schlimmen Verölung, die ja nicht nur im Gefieder, sondern auch im Magen und Darm besteht, gestorben.
Wir nahmen Sibille den Vogel ab. Er war schon halbtot, und wir wollten ihn in unseren Keller bringen. Dort hatte Alfred neben unserer Zentralheizung eine große Ecke für diese Tiere eingerichtet. Dort war es warm, am Tag einigermaßen hell, und vor allem konnte man von dort aus den Gestank, der von diesen Vögeln ausgeht, ertragen. Sie sind alle Fischfresser, und ihre zahlreichen Häufchen stinken entsetzlich.
Dort sollte der Tordalk in Ruhe sterben können, aber unsere eigenen Kinder erwarteten vorher noch Hilfe von uns. Also wurde der Vogel zunächst von uns in der Küche entölt, d.h. wir wuschen ihm das Gefieder mit so einer Art Pril (genau weiß ich das nicht mehr).
Er war vor allem an der weißen Brust verölt. Diese Tordalks sehen aus wie kleine Pinguine. Der Vogel war halbtot, vor Hunger, vor Angst und vom Öl. Er ließ alles mit sich geschehen. Dann kam er in den Keller, um dort in Ruhe und Wärme sterben zu können. Er fraß noch etwas rohen Fisch. Wir hatten immer Reste in der Tiefkühltruhe. Die Fischgeschäfte versorgten uns immer mit Fischresten aller Art, einen Teil haben wir aber auch selbst gekauft.
Am nächsten Tag hatte der Vogel sich so erholt, dass er in seinem Verschlag rumlief und mit merkwürdigen Lauten nach Futter bettelte. Leider fraß er nicht aus der Hand, woher sollte er das auch können, man musste ihn stopfen. Das lernte er recht schnell. Nur haben diese Vögel leider innen am Schnabel Widerhaken. Die sind dafür gedacht, dass die Fische, die sie verschlungen haben, nicht zurückrutschen können. An diesen Widerhaken riss man sich beim Füttern immer die Finger auf. Außerdem kapierte das Tier nicht, dass man es nur gut mit ihm meinte. Er hackte mit seinem kräftigen Schnabel um sich, so dass Alfred und ich nach einigen Tagen an den Armen recht verletzt aussahen. Außerdem fingen diese Wunden leicht an zu eitern.
Unser Tagesablauf sah also folgendermaßen aus: morgens vorm Frühstück den Tordalk versorgen, Schule, vor dem Mittagessen den Tordalk versorgen, und das dann noch so etliche Male am Tag. Der Vogel erholte sich schnell und schien auch das innere Öl wieder ausgeschieden zu haben. Vielleicht hatte er auch nicht viel aufgenommen. Nur sein Gefieder war ja entölt worden, und das natürliche Fett war damit verschwunden. Und das ölen Tordalks nicht ständig so ein wie zum Beispiel Enten, die dafür eine Drüse am Bürzel haben, nein, bei Tordalks muss man bis zur nächsten Mauser warten.
Jeden Tag ließen wir den Alk oben in der Wohnung in der Badewanne schwimmen. Das gefiel ihm, aber zeigte uns auch immer wieder neu, dass er nicht reif für die Freiheit war. Sein Gefieder saugte sich voll Wasser, und nach kurzer Zeit ging er unter. Draußen wäre er ertrunken.
Also blieb das liebe Tier mehrere Wochen bei uns im Keller. Aber die Mauser stellte sich nicht ein. So nahmen wir über einen Kollegen Kontakt mit dem
Zoo am Meer in Bremerhaven auf. Die haben dort eine ganze Grotte mit solchen Meeresvögeln, dürfen aber keine Wildfänge annehmen, sondern sind auf Funde wie unseren Vogel angewiesen. Der Zoodirektor war ganz begeistert, als wir ihm von unserem Tordalk berichteten. Natürlich durften wir ihn bringen, wir machten sogar schon einen Termin aus.
Ein Wochenende später sollte die Fahrt losgehen samt unserem damaligen Neufundländerrüden Derry und unseren beiden Kindern. Sie waren schon voll Vorfreude auf den kostenlosen Zoobesuch.
Dann nahm die Geschichte ein jähes, trauriges Ende. Am Freitag vor der Fahrt wurde unser Tordalk plötzlich krank, warum, wissen wir nicht. Einen Tierarzt gab es damals nicht auf der Insel. Der Vogel bekam eine Lungenentzündung und war innerhalb von einigen Stunden tot. Nach 6 Wochen intensiver Pflege und so viel Hoffnung auf Erfolg waren wir sehr traurig!! Deshalb haben wir ihn ausstopfen lassen, und noch heute steht er oben auf unserem Aquarium als Blickfang. Er ist auch schon oft mit in der Schule gewesen, wenn wieder mal das Thema Wasser und
Umweltverschmutzung auf dem Stundenplan stand.