Eigene Geschichten 5
Tränen um eine Ratte
Bis zu dem Tag, als wir Maria bekamen, kannte ich eigentlich gar keine Ratten, d. h. ich hatte noch nie eine gesehen. Mäuse jede Menge, Ratten nie. Es waren für mich eigentlich nur eklige Tiere. Dieser lange, nackte Schwanz! Und dann hatte ich mal einen Film gesehen, ich glaube, von Dr. No. In dem Film wurde ein armer Mensch bei ganz vielen hungrigen Ratten eingesperrt, die nur darauf lauerten, ihn aufzufressen. Das war meine damalige Vorstellung von Ratten.
Diese Geschichte hat sich in unserer „tierarmen” Zeit abgespielt, mit Hund und zwei Katzen wäre es wohl nicht machbar gewesen.
Eines Mittags klingelte es bei uns an der Tür. Ein kleiner türkischer Junge aus dem 2. Schuljahr stand dort mit einem Pappkarton in der Hand und machte ein ziemlich unglückliches Gesicht.
Freundlich fragte ich ihn, was er denn in dem Karton habe. Denn es kam ja nicht selten vor, dass man uns verletzte Vögel aller Art oder kleine Wildkaninchen brachte. Nein, diesmal war es eine Ratte! Die erste Ratte meines Lebens!! Es war keine Wildratte, sondern eine zahme Ratte, so wie es eine ganze Zeit bei jungen Leute in der Mode war und vielleicht auch jetzt noch ist.
Der Schüler hatte auf der Straße einen jungen Mann getroffen, der eben diese Ratte loswerden wollte bzw. musste. Er hatte die Wohnung gewechselt, und der neue Vermieter wollte so ein Tier nicht im Haus haben. Dem erstbesten Kind bot der junge Mann die Ratte als Geschenk an. Das Tier war hübsch, braun-weiß, seidiges Fell, glänzende Knopfaugen, aber eben dieser lange, nackte Schwanz!!
Freudestrahlend war das Kind mit dem Tier zu seiner Mutter gelaufen, doch die hatte nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.„ Eine Ratte kommt mir nicht ins Haus!!!” Sie wird es auf türkisch gesagt haben. Nun stand der Achtjährige auf der Straße. „Wohin mit der Ratte?”, wird er gedacht haben. Und dann bin ich ihm als seine tierfreundliche Lehrerin eingefallen, und auf ging´s zu Schoolmanns in der Mittagsstunde.
Nun war ich nicht gerade wild auf eine Ratte, hatte aber Sorge, dass sie in falsche Hände geriet, bzw. dass der Junge sie einfach in den Dünen aussetzte. Also bot ich ihm an, die Ratte vorerst zu behalten und dann an jemand anders zu vermitteln. Wie gesagt, Ratten waren damals in, und ich hatte ja meine Beziehungen durch die Schule zu einigen hundert Kindern in der Grundschule und im Schulzentrum. Kleinigkeit, dachte ich!!
Wir versuchten also, die Ratte wieder loszuwerden, nahmen sie mit in die Schule, und alle Kinder waren von dem zutraulichen Tier begeistert, das überhaupt keine Angst hatte, auf jedem herumkrabbelte und sein Futter so niedlich fraß. Alle Kinder bestürmten ihre Eltern: „Bitte, darf ich die Ratte haben??” Und alle Eltern reagierten gleich: „Um Himmelswillen, nein, eine Ratte kommt nicht ins Haus!!”
Unterdessen hatten wir uns an die Ratte gewöhnt und wollten sie gar nicht wieder hergeben. Sie bekam unseren alten Hamsterkäfig und lebte dort glücklich und zufrieden. Meine liebe Nachbarin, die jetzt immer unsere Katzen versorgt, kümmerte sich um Maria (den Namen hatten wir ihr unterdessen gegeben), wenn wir in die Ferien fuhren, und so war alles in Ordnung.
Fast zwei Jahre kümmerten wir uns um Maria und hatten unsere Freude an ihr. Eines Sonntagsmorgens im Sommer kam ich in die Küche, da lag Maria tot im Käfig. Sie war nie krank gewesen. Wir konnten uns ihren plötzlichen Tod nicht erklären, erfuhren jedoch hinterher, dass Ratten gar nicht sehr alt werden. Und ihr genaues Alter kannten wir ja sowieso nicht.
Noch vor dem Frühstück begrub ich Maria bei uns im Garten und zerdrückte eine Träne. Das hätte mir mal einer sagen sollen: Tränen wegen einer Ratte!
Hätte Maria einen Josef kennengelernt, hätten wir vielleicht gaaaaanz viele kleine Ratten gehabt!!