Tiergeschichten - Überblick

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Lieschens Geschichte
 
erzählt von Conny
 
Ende 1994/Anfang 1995 zogen wir aus unserer Mietwohnung aus und in mein Elternhaus in den ersten Stock ein. Zu dem Zeitpunkt lebte in der zweiten Hälfte des ersten Stocks noch meine Oma, damals schon 85. Den Balkon hatten wir gemeinsam, allerdings war meine Oma der Meinung, ein Balkon sei so etwas wie eine Freiluft-Rumpelkammer und lagerte dort alte Kartons, alte Töpfe und sonstiges Gerümpel. Sie war damals schon leicht verwirrt. Leider hatte Oma auch die Angewohnheit "für die Vögel", wie sie sagte, Essensreste auf ihrer Balkonhälfte zu verteilen. Es standen dort wahlweise Töpfe mit Resten, es lagen Brotrinden und Kuchenbrocken auf dem Boden, es standen Fischdosen mit Resten herum ... wir fanden es grausig, die Nachbarskatzen von den Bauernhöfen fanden es hochinteressant.
 
Weil es Winter war und wir frisch eingezogen waren, bestand unser erstes Anliegen nicht darin, den Balkon auf Vordermann zu bringen. Mehr oder weniger amüsiert stellten wir fest, dass dieser Ort meistens von verschiedenen Katzen bevölkert war, offensichtlich eingeladen vom Kater meiner Eltern (Max), die dort ihre typischen Katzenversammlungen abhielten. Als wir bemerkten, dass die diversen Kater auch gerne mal markierten, war es mit dem Amüsement schnell vorbei und wir fingen an, die Katzen zu verscheuchen und Oma ins Gebet zu nehmen wegen der Essensreste. Es gipfelte darin, dass ich irgendwann brüllte "Ich schmeiß den ganzen Krempel zum Garten runter, wenn er nicht augenblicklich verschwindet!!!" - das zeigte Wirkung und Oma zügelte fortan ihre soziale Ader, die uns neben der Katzenpopulation auch immer mal Mäuse und Ratten beschert hatte. Vögel kamen übrigens kaum vorbei.
 
Max, der den Balkon jahrelang als sein Freiluft-Wohnzimmer betrachtet hatte, gab jedoch nicht so schnell auf und lag immer noch dort herum. Gesellschaft hatte er nur noch ab und zu von einer kleinen, mageren, rot-weißen Katze. Irgendwann wurde es Max dann doch zu langweilig und er verkrümelte sich nach da, wohin seine Kumpels abgewandert waren. Die Katze blieb. Sie war allerdings sehr scheu.
 
Meine Eltern und meine Großeltern, die auch im Haus auf verschiedene Stockwerke verteilt wohnen, berichteten mir, dass diese Katze schon seit einigen Jahren immer mal wieder zu Besuch in den Garten käme. Sie sei sehr scheu, streiche zwar gerne um die Beine, ließe sich aber nicht gerne und lange anfassen. Sie gehöre zum Bauernhof gegenüber. Man habe sie Lieschen genannt.
 
Die erste richtige Begegnung mit Lieschen fand dann im Frühjahr statt. Sie stützte ihre Pfötchen von außen auf den Türrahmen der Balkontür und schaute sehnsüchtig ins Innere. Ich öffnete die Tür und sprach sie an, aber wir konnten uns beide zu nichts durchringen. Die Wohnung war Lieschen unheimlich, ich fand Lieschen auf den ersten Blick wenig anziehend. Unheimlich schmutzig, triefäugig, klebrig ... und nicht wirklich nett sondern eher abwartend-aggressiv.
 
 
Nach einigen Wochen gegenseitiger Beobachtung und Annäherung durch Streicheln meinerseits - was immer einen Abschluss in einer Fauch- und Kratzorgie durch Lieschen fand, mit anschließender Flucht beider Teilnehmer in verschiedene Richtungen - stellte ich fest: Die Katze ist trächtig. Nun wurde es mir zu bunt, ich flitzte nach Maxens Katzenfutter und einer Schüssel und servierte eine Mahlzeit. Diese wurde auf einen Satz verputzt. Lieschen hatte Hunger, und wie. Das konnte ich nun überhaupt nicht mehr mit ansehen, ich besorgte sofort Katzenfutter und fing an, regelmäßig zu füttern. Lieschen, clever wie sie ist, fand sich zu den Futterzeiten pünktlich auf dem Balkon ein und wurde auch zutraulicher, aber reinkommen wollte sie immer noch nicht. Ein Festtag der Tag, an dem sie zum ersten Mal einen Meter weit unser Wohnzimmer betrat, sich irritiert umschaute und sofort den Rückzug auf den Balkon antrat.
 
Im August war es dann so weit: Lieschen erschien auf dem Balkon, wieder dünn um die Mitte. Wir freuten uns und hofften, sie würde uns ihre Kleinen mal vorstellen ... leider kam es ganz anders. Ein paar Tage später, wir hatten Urlaub oder es war ein Wochenende, ich weiß es nicht mehr, kam meine Mutter weinend in unsere Wohnung, kaum dass wir aufgestanden waren. Sie berichtete, Lieschen hätte früh morgens drei tote kleine Kätzchen auf den Balkon gebracht und hätte jämmerlich miauend dabeigesessen. Mein Vater hatte, um uns den Anblick zu ersparen, die Kleinen schon weggebracht. Kurzfristig löste sich die ganze Familie in einer Tränenflut auf, um dann zur Tat zu schreiten. Ich vereinbarte noch für den gleichen Tag einen Termin mit der Tierklinik, denn dieses Katzenelend war nicht länger zu tolerieren, hier musste geholfen werden. Wir fingen Lieschen ein, die übrigens immer noch weinend auf dem Balkon saß, und brachten sie in die 25 km entfernte Tierklinik. Dort schlug man die Hände über dem Kopf zusammen: "Was bringen Sie denn da?" Nun ja, wir erklärten die Situation und bestellten "einmal runderneuerte Katze bitte". Aufgrund des schlechten Zustands behielt man Lieschen gleich da.
 
Zu Hause wurden wir dann mit Bedenken konfrontiert: Meine Mutter und meine Omi fürchteten um Mäxchen (ein Riesenvieh übrigens), der bestimmt von der bösen Katze aus dem Haus getrieben würde wenn nicht sogar gemeuchelt. Meine Oma posaunte überall herum, die Katze sei böse und hätte ihre Jungen totgebissen (was nicht bewiesen war). Mein Vater mahnte ständig, wir sollten uns doch nicht eine solch aggressive Katze vom Bauernhof aufhalsen, die würde weder stubenrein noch zahm. Mein Opi legte sorgenvoll die Stirn in Falten. Zum Teil durchaus vernünftige Argumente, allein, sie nutzten nichts, wir wollten Lieschen und sie brauchte uns.
 
Zwei Tage später durften wir unsere neue Errungenschaft dann aus der Tierklinik abholen. Entwurmt, entfloht, entmilbt, kastriert und mit Aufbauspritzen versorgt nahmen wir Lieschen in Empfang und ließen dafür ein kleines Vermögen in der Klinik. Auch das war uns egal. Man ermahnte uns noch, Lieschen, die sich noch nicht von der Kastrationsnarkose erholt hatte, ein wenig in ihrem Korb zu lassen. Wir stellten den Korb auf den Balkon, ihre vertraute Umgebung. Lieschen randalierte. Meine Mutter und mein Mann, ein Spitzenteam wenn es darum geht, Anweisungen zu missachten, öffneten, kaum dass ich ihnen den Rücken gekehrt hatte, den Korb und Lieschen flüchtete mit frisch genähtem Bauch über das Rosenspalier (berankt mit dornigen Rosen) und über den damals noch existenten Misthaufen zum Bauernhof gegenüber.
 
Ich belegte meine Mutter und meinen Mann mit allen mir bekannten Flüchen und brüllte eine Stunde herum. Ich war überzeugt, Lieschen nie wieder zu sehen.
 
Bei Einbruch der Dunkelheit raschelte es an der offenen Balkontür. Hereinspaziert kam Lieschen, sah sich kurz um, sprang aufs Sofa neben meinen Mann, legte sich auf den Rücken, streckte alle Viere von sich und pennte selig ein. Wir wachten paralysiert und freudig überrascht eine Weile und gingen dann schlafen. Ich kaufte am nächsten Tag die übliche Ausrüstung, Katzenklo, Streu und so weiter und wir waren ab sofort zu dritt.
 
Lieschen vollzog die Metamorphose von wilder Bauernhofkatze zu Stubentiger in Rekordgeschwindigkeit. Beim nächsten Besuch in der Tierklinik staunte der behandelnde Tierarzt und mochte es nicht glauben: Das sollte die verängstigte, abgemagerte Katze von neulich sein? "Was haben Sie gemacht?" fragte er "das ist ja Wahnsinn, wie sich diese Katze entwickelt hat". Wir waren stolz wie frischgebackene Eltern.
 
Max ist inzwischen im Haus geduldet, nachdem sich die beiden zunächst wilde Kämpfe lieferten, bei denen Fellbüschel in grau und blond und weiß durch das ganze Haus flogen. Max, wahrscheinlich Buddhist, betrachtet Lieschen aus sicherer Entfernung mit untergeschlagenen Pfoten und halbgeschlossenen Augen, während Lieschen schimpfend und fauchend zurückguckt und sich fürchterlich aufregt. In unsere Wohnung darf Max allerdings keine Pfote setzen. Der Garten ist neutrales Terrain und wird von beiden Katzen mit Zähnen und Klauen gegen alle äußeren Einflüsse kätzischer Art geschützt. Hierbei verwandelt sich unser seelenruhiger Max in eine reißende Bestie und Lieschen eilt ihm zu Hilfe, wenn er alleine nicht mehr klarkommt. Legendär ihr gestreckter Sprung vom Balkon mehrere Meter in die Tiefe und punktgenau auf einen fremden Kater, um Max im Kampf beizustehen.
 
In den letzten neun Jahren hat sich Lieschen Müller in eine rundliche, gefräßige, puschelige und liebe Katzendame verwandelt. Sie kommt auf Zuruf oder Pfiff, begrüßt uns beim Nachhausekommen schon im Flur, springt nicht auf Tische oder Stühle, klaut kein Essen, ist immer bereit, Erste Hilfe zu leisten, sie ist nämlich immer sofort zur Stelle, wenn jemand "Aua!" schreit. Leider vergisst sie ständig das Verbandszeug und bringt nur jede Menge Mitleid zum Verletzten.
 
Seit Sommer 2003 hat Lieschen Diabetes - aber das ist eine andere Geschichte. Das Wichtigste: Sie ist mittlerweile sehr alt, schon beinahe 10 Jahre lang unser "Katzenkind" und SIE LEBT!