Eigene Geschichten 20
Derry buddelt
Unser Derry war sein ganzes Leben lang ein Buddler. Schon als Welpe durchpflügte er die Dünen. Da er ja monatelang wegen seiner schweren
Dünndarmoperation einen Maulkorb tragen musste und buddeln damit keinen Spaß macht, säuberten wir extra für ihn eine Dünenkuhle von gefährlichen Dingen aller Art (Muscheln, Stöcke, Glas usw.) und nahmen ihm den Maulkorb ab, damit er sich frei entfalten konnte. Und der Sand flog nur so, dass es spritzte.
Derry buddelt
Später grub er dann tiefe Löcher in jede Wiese, wo er Mäuse roch und legte die Nester zum Teil frei. Nun ist das Buddeln hier auf der Insel für kleinere Hunde nicht ganz ungefährlich. Tausende von Kaninchenhöhlen sind in den Dünen, und schon oft musste die Feuerwehr kommen, um verschüttete Hunde wieder auszugraben, lebendig , aber leider zum Teil auch tot. Doch diese Gefahr bestand ja bei einem so großen Hund nicht.
Im Garten bei uns durfte er nur im Hundezwinger graben. Der Zwinger hatte eigentlich nur diese Funktion, denn ansonsten war Derry nie drin. Er grub sich dort ein so tiefes Loch, dass der ganze Körper drin verschwand und nur noch sein Kopf rausguckte. Dann war er so richtig glücklich und schlief stundenlang in seiner Kuhle. Der Bauch musste eben kalt sein.
Eines Tages war ich mit ihm spazieren, gar nicht weit weg von uns. Damals gab es noch viele Dünen um unser Haus herum, heutzutage ist das leider alles bebaut. Ich war also mit dem Hund in einer Dünenkuhle, und er entdeckte ein Kaninchenloch, das wohl prächtig für seine Nase roch. Er machte sich nichts aus Kaninchenjagen, weil er sie ja doch nicht kriegte. Wenn wir auf kranke Kaninchen in den Dünen stießen, die ruhig sitzenblieben, beroch er sie und leckte sie ab, aber dieses Loch hatte was an sich, es musste gründlich untersucht werden.
Ich ließ ihn graben, so wie er wollte. Er sollte ja auch seine Energie loswerden. Erfahrungsgemäß hörte er nach einiger Zeit wieder auf. Aber dieses Mal nicht.
Er grub und grub und verschwand allmählich halb im Kaninchenloch. Da er nicht an der Leine war, konte ich auch nicht am Halsband rucken, also buddelte er weiter. Der Sand flog mir und ihm natürlich erst recht nur so um die Ohren.
Auf Rufen reagierte er nicht. Dass er ganz im Loch verschwand, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber schließlich guckte vom ganzen Derry nur noch ein Teil des Schwanzes heraus. Vor einer Verschüttung hate ich keine Angst, aber ich wollte nach Hause. Der Hund aber hörte mich gar nicht. Er grub wie besessen.
Ich zog an seinem Schwanz, aber nur vorsichtig, der knackte gleich so komisch, dass ich es wieder ließ. Ich brüllte seinen Namen, das Hundevieh gehorchte nicht. Also machte ich etwas, was ich bis dahin noch nie gemacht hatte. Ich ließ ihn buddeln, ging nach Hause und holte meinen Mann Alfred.
Der sagte nur: „Das gibt´s ja nicht!!" Er ging spornstreichs mit zur Kuhle, wo das Tier offenkundig immer noch nach Australien wollte, rief einmal kurz und energisch:„ Derry, komm!” ... Und der Köter kam sofort aus dem Loch heraus, total voll Sand, total glücklich. „Guck mal Herrchen, was ich geschafft habe, fein, dass du auch noch kommst!” Ich hätte ihn erwürgen können, weil er mir nicht gehorcht hatte, aber diesem bezaubernden Hund, der wirklich lachen konnte, konnte man nie böse sein.
Derry im Alter