Eigene Geschichten 13
Ohrtieken!!
Diese Geschichte handelt ganz schlicht und einfach von Ohrenkneifern. Manche Leute nennen sie Ohrwürmer, bei uns in der Gegend nennt man sie auch Ohrtieken.
Die Geschichte spielt im Sommer 1976. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil unser Hund Derry in dem betreffenden Sommer erst ein halbes Jahr alt war. Wir waren wie immer in den Sommerferien mit dem Wohnwagen unterwegs. Allerdings mieden wir im Sommer die Campingplätze, denn die schönen unter ihnen sind meistens hoffnungslos überfüllt und dann dementsprechend laut.
Wir machten im Sommer eigentlich immer Urlaub auf dem Bauernhof. Viele Bauern stellen ein Stück ihres meist großen Anwesens für einen oder zwei Wohnwagen zur Verfügung. Es war erstens für uns billiger, zweitens haben Kinder auf einem Bauernhof jede Menge Abwechslung, und drittens stört sich niemand an einem Hund. Auf diesem Hof in Vöhl im Sauerland wurde unser 6-jähriger Sohn z. B. vom Bauern auf den Zuchtbullen gesetzt (meinen Schreck kann man sich vorstellen, obwohl nichts passierte), Christine bekam ein kleines, pechschwarzes Kätzchen angeboten, das wir leider nicht mitnehmen konnten , auf der Nachbarweide brachen neugierige Kühe durch den Zaun und standen plötzlich bei uns im Vorzelt, und die in Pferde vernarrte Christine wurde von einem zickigen Pony namens Franziska zweimal so in den Bauch gebissen, dass es übel aussah.
Unvergesslich aber bleibt uns dieser Urlaub wegen der besagten Ohrenkneifer. Im Internet las ich neulich bei der Suche nach einem Bild:
Der Name 'Ohrwurm' beruht wohl auf der Legende, dass diese Tiere angeblich Nachts in menschliche Ohren krabbeln und das Trommelfell durchbeißen sollen. Sie waren so von vielen Menschen gefürchtet. Wahr ist, dass sie sich wohl mal gelegentlich in das Ohr eines schlafenden Menschen verirren können. Falsch ist, dass sie das Ohr verletzen.
In diesem Sommer gab es unheimlich viele Ohrenkneifer. Es war so furchtbar heiß, und sie hatten wohl ideale Bedingungen, sich zu vermehren. Bis dahin hatte Christine eigentlich keine Angst vor diesen Tieren, doch das sollte sich jäh ändern. Am Tag vor der Abreise räumte ich das Vorzelt auf. Dort stand auch ein Koffer mit Reißverschluss, in dem mein Mann Alfred einige seiner Fotoutensilien aufbewahrte. Als ich den Koffer öffnete, krochen Hunderte von Ohrtieken heraus. Ich habe sie nicht gezählt. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Unsere Kinder kriegten das natürlich mit. Sie fanden die kleinen Tierchen, die da im Zelt herumwimmelten, zwar nicht sonderlich sympathisch, mehr aber eigentlich auch nicht. Von Angst war nicht die Rede.
Doch in der folgenden Nacht, so gegen 1 Uhr, kam Christine schreiend aus dem Bett. „Mama!! Ich hab eine Ohrtieke im Ohr!!!" Ich versuchte sie zu beruhigen. „Das hast du nur geträumt, weil du heute morgen die vielen Ohrenkneifer in Papas Koffer gesehen hat. „Nein!!!!!", brüllte sie weiter. „Da krabbelt was!!” Unterdessen hatte sich auch Alfred aus dem Bett gequält, und nur um sie zu beruhigen, sagte er:„ Ich leuchte mal mit einer Taschenlampe ins Ohr, du wirst sehen, da ist nichts. Das ist alles nur ein Märchen! Die kriechen nicht in Ohren."
Er leuchtete, und siehe da, was kam da rückwärts aus dem Ohr herausgekrabbelt und hatte sich wohl verirrt?? Ein Riesenohrenkneifer!!!!! Mit Müh und Not konnten wir unsere Tochter wieder beruhigen, die nun glaubte, der ganze Wohnwagen wimmele von Ohrwürmern. Wir mussten erst jeden Winkel absuchen.
Am Morgen machte ihr kleiner Bruder Stefan beim Frühstück noch Witze über die Nacht. Ihm war ja auch so etwas nicht passiert! Doch plötzlich prustete Christine ihre Frühstücksmilch quer den Tisch. Bevor wir schimpfen konnten, sahen wir, dass tatsächlich in der Milch auch so ein Ungeheuer gewesen war. Es lebte sogar noch, und sie hatte es im Mund gehabt. Arme Christine!! Das war zuviel für sie!!
So entsteht eine PHOBIE!!
Christine, die JEDES Lebewesen liebt, die keiner Fliege was zuleide tut, bekam Panik, wenn man nur das Wort Ohrenkneifer erwähnte. Jahrelang hat das angehalten. Und ihr kleiner Bruder liebte nichts mehr, als später bei uns zu Hause einen Ohrenkneifer zwischen zwei Finger zu nehmen und seine Schwester damit ums Haus zu jagen.
Mittlerweile ist sie erwachsen, und die Phobie hat sich gelegt, aber Freunde fürs Leben sind sie nicht geworden, auch wenn Christine nun an den Ohrenkneifern schätzt, dass sie ihr die Pflanzen von Blattläusen freihalten.