Tiergeschichten - Überblick

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Sidney im Glück
 
 
Wir schreiben das Jahr 1999. Stellt euch vor, Batangas, eine Stadt in der Südwestecke der philippinischen Insel Luzon. Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, Wohnhäuser zur Abgrenzung zumeist mit einer hohen Mauer umgeben. In so einem Haus wohnten Peter und Emily, jedenfalls so lange bis das Gasturbinenwerk, das dort von einer deutschen Firma gebaut wurde, fertig war.
 
Emily hängt draußen Wäsche auf, hört ein undefinierbares Geräusch, das von einem Tier kommt. Na ja, nichts ungewöhnliches, schließlich laufen dort Katzen und Hunde in großer Zahl frei herum. Stunden später wurde das Geräusch eindringlicher, ich schrie nämlich mit vollen Kräften, und Emily stieg auf eine Leiter, um über die Mauer schauen zu können. Der Anblick, der sich ihr bot, war erschreckend. In einem umgekippten Eimer lag ein kleines weißes Kätzchen (nämlich ICH) und schrie ganz jämmerlich.
 
Flugs schickte Emily ihre Maid in das unwegsame Grundstück, Bananenstauden wuchsen dort üppig, um Eimer mit Katze zu sichern. Meine Katzenmama konnte oder wollte sich nicht mehr um mich kümmern, ward auch nicht mehr gesichtet, ich war ziemlich sauer deswegen, schließlich hatte ich inzwischen großen Hunger und Durst auch.
 
So, nun war guter Rat teuer. Emily kannte zwar den Umgang mit Katzen, eher muß man sagen, mit großen, dicken Katern von Schwägerin Brigitte. Leo, Buffy und Benji waren ihr sehr ans Herz gewachsen. Das habe ich natürlich erst später erfahren und bangte zu dem Zeitpunkt doch ziemlich, ob ich wirklich eine gute Dosi ausgesucht hatte. Ich war ja nur eine Miniportion, die schrecklichen Hunger hatte.
 
 
 
Emily durchforstete ihren Kühlschrank und fand auch etwas, was mir lecker schmeckte. Dann haute ich mich erstmal aufs Ohr, schließlich geht stundenlanges sich bemerkbar machen im Eimer nicht spurlos an einem vorüber. Inzwischen kam Peter von der Arbeit zurück und staunte nicht schlecht über den neuen Hausbewohner. Denn dass ich dort bleibe, war mir schon sofort klar, ich schaute meine neue Mama Emily mit meinem blauen und grünen Auge so lieb an, dass ich sicher war, sie MUSS mich behalten! Wenn man das allerliebste „Ichbindochdiebestemiezekatzederganzenwelt“-Gesicht macht, kann kaum jemand widerstehen. Die Nacht verlief leider ziemlich unruhig, weil ich schlimmen Durchfall und Bauchweh hatte. Außerdem war ich etwas beleidigt, weil meine neue Mami mich Cindy nannte. Die hat doch tatsächlich nicht mitgekriegt, dass ich ein Kater bin!
 
 
Durch diesen blöden Durchfall, und weil ich durchgecheckt werden sollte, kam ich in den höchst zweifelhaften Genuss meiner ersten Autofahrt. Horror, sag ich nur, kann ich in Zukunft gerne drauf verzichten. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Doch davon später mehr, will ja nicht vorgreifen. Mit diesem furchtbar lauten Ding, Auto genannt, fuhren wir am nächsten Tag zum Tierarzt. Schließlich sollte festgestellt werden, ob ich gesund gesund bin. Dann haben sie einen Plan aufgestellt, was alles mit mir zu geschehen hat. Dazu gehörte auch kastrieren, gut, dass ich vorher nicht wußte, was da auf mich zukommt! Aber das habe ich damals alles gar nicht so mitgekriegt. Auch gegen den Durchfall mußte auch etwas unternommen werden. – Und das Wichtigste überhaupt: Katzenfutter kaufen! Nun ging es zurück nach Hause, aus Cindy ist ein Sidney geworden, weil ich, wie die nun endlich geschnallt haben, ein kleiner plietscher Kater bin. Dass ich super-plietsch bin sieht man schon daran, dass ich mir eine europäische Familie ausgesucht habe. Die Vorteile hatte ich sofort spitz.
 
 
 
Nun war ich Hausbewohner Nr. 3 (denken die, denn eigentlich bin ICH natürlich die Nr. 1!) machte meine Streifzüge in die Umgebung, kam aber immer brav zurück. Bin ja nicht doof, schließlich gabs bei Mama Emily immer tolles Futter und einen Super-Schlafplatz, wo man denn immer mal wieder ein Nickerchen machen kann. Nicht allzu sehr begeistert waren meine neuen Mami und Papi, dass ich mir das Hackenbeißen angewöhnt hatte. Ich lauerte dann unter dem Sofa, Sessel oder hinter dem Schrank, und wenn jemand vorbeikam sauste ich vor und zack, Hackenbiß! Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, dass außer mir niemand so richtig Gefallen daran fand. Wir zogen denn auch noch in Batangas um und in dem neues Haus hatte ich eine super Dachterrasse, wo Mami Emily ihre Blumenpötte hegte und pflegte. Da machte ich mich aber nicht ran, das hätte sicherlich riesigen Ärger gegeben.
 
 
Eines Tages bemerkte ich, dass es im Haus recht unruhig wurde. Mama und Papa telefonierten, dauernd hockten sie auch am Computer rum und ich überlegte schon, was das alles wohl soll. Dann kriegte ich mit, die sollen nach Deutschland zurück, und ich sollte natürlich mit. Aber nun ging der Stress los, Impfungen, zum Amtstierarzt nach Manila mußte ich zweimal. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das bedeutet. Wieder in die blöde Autokiste, aber nicht nur ne‘ kurze Strecke, sondern drei Stunden Fahrt nach Manila. Nicht etwa weil es so weit ist, nein, weil viele andere Autos fahren, die alle einen Höllenlärm machen. Besonders übel sind mir da diese blöden Jeepneys aufgefallen, die voll beladen mit Menschen bimmelnd und hupend durch die Gegend fuhren. Ich war total genervt und schrie die ganze Fahrt. Was dann wieder meine Mami und Papi auch nervte.
 
Dann rückte der Abreisetag immer näher. Ich hockte in meiner Box bei Mama auf dem Schoß. Tante Brigitte hatte extra Pillen vom Tierarzt in Deutschland geschickt, die mich beruhigen sollen. Das mag ja überall funktionieren, aber nicht bei einem philippinischen Kampfkater. Ich schrie mir fast die Kehle aus dem Hals. Am Flugplatz angekommen telefonierten Mama und Papa noch völlig entnervt mit Tante Brigitte, weil die doofen Pillen nicht wirkten. Die sagte dann, deck den Kater zu. Der Tipp war nicht schlecht. Aber im Flugzeug habe ich dann auch noch ziemlich rumgenervt.
 
 
In Hamburg raus aus dem Flieger, natürlich wurden wir mit großem Hallo abgeholt, ich sah das erste Mal Tante Brigitte und Onkel Günter und dann, wie schrecklich, schon wieder eine Autofahrt. Gottseidank nicht so lange. Dann brachten sie mich schnell in die Wohnung, wo ich erstmal alles untersuchte, dann futterte und mir ein nettes Plätzchen zum pennen suchte.
 
 
Am nächsten Tag bekam ich dann mein neues Geschirr um und sollte mit rüber in den Garten bei unseren Verwandten, dort sollte ich auch meine Cousins treffen. Als wir draußen waren merkte ich erstmal in was für eine kalte Gegend ich gekommen bin, ich, als philippinischer Kater ständig von der Sonne geküßt, sollte da nun im Garten bei eben über 20 Grad auf dem Rasen rumlaufen. Da bekam ich das große zittern. Dann, ich traute meinen Augen nicht, hockte da auch noch so ein dicker roter Kater und ein Stückchen weiter noch einer.
 
 
Hölle, wo bin ich denn gelandet, der eine, Buffy heißt der Blödmann, hat mich angefaucht und wollte sofort auf mich los, ich fauchte auch, was das Zeug hielt. Panik! Allgemeine Unruhe, mein Papa riß mich sofort hoch, Tante Brigitte ihren Buffy und Onkel Günter nahm Leo, ehe die ganze Sache eskalierte. Ich kriegte dann mit, dass Cousin Buffy immer so ein Theater macht, wenn er fremde Katzen sieht. Dann haben sie mich wieder rüber gebracht. Auf die doofen Cousins hatte ich erstmal überhaupt keine Lust mehr.
 
 
Ansonsten war alles ziemlich interessant. Ich bekam einen tollen Kratzbaum und konnte überall aus dem Fenster gucken was da so ablief. Aber wie das denn so in einer Siemens-Familie ist, die nächste Baustelle ruft. Mama sagt, es geht in die Vereinigten arabischen Emirate. Kann ich mir nichts drunter vorstellen. Kriegte aber mit, dass es dort wohl nicht so kalt ist. Ich, inzwischen Flugprofi, lag bei diesem Flug total cool in meiner Box. Alle wollten mich sehen, es ging wie Öl runter als ich hörte „Oh, ist der süüüß, oh er hat ja ein blaues und ein grünes Auge“. Will ja nicht eingebildet sein, aber ich so als schneeweißer schlanker Kater mit diesen tollen Augen bin schon ein toller Hecht.
 
 
Mein neues Heim eroberte ich im Sturm. Allerdings hatte ich dort in Shuwei mein oberübelstes Erlebnis. Ich spazierte da draußen rum, dachte an nichts böses, plötzlich greift mich da ein großer grauer Kater an, beißt mir in den Hintern und verletzt mich so, dass ich vor Schmerzen nur noch schrie. Meine Mama hat mich sofort da rausgeholt, ist mit mir zum Tierarzt, der die Wunde versorgt hat. Damit habe ich ziemlich lange rumgedoktert und es stand sehr schlimm um mich. Sogar in Abu Dhabi war ich beim Tierarzt. Mama sagte, ich darf nun nicht mehr raus. Wollte ich auch nicht. Schließlich ist es doch am allerbesten bei meiner Mama auf dem Schoß und mein Papa spielt immer mit mir. Ich sitze schon und warte, bis er endlich kommt, damit es losgeht. Übrigens, ein Hackenbeißer bin ich immer noch. Aber die haben den Trick raus, damit ich da nicht so rankomme.
 
Inzwischen sind wir wieder umgezogen und wohnen nun, 2006, in Doha / Qatar. Hier fühle ich mich auch ganz wohl – und das wichtigste ist, Mama und Papa sind immer bei mir, die habe ich ganz doll lieb und sie mich auch.
 
Euer Sidney im Glück