Eigene Geschichten 25
Wespenattacke
Diese Geschichte spielt im Sommer 1964. Ich hatte gerade hochmotiviert meinen Schuldienst in Norderney aufgenommen, 22 Jahre jung und entsprechend unerfahren.
Ich übernahm eine 3. Klasse mit weit über 30 sehr liebenswerten Kindern. Irgendwann im Laufe des Sommers (das Schuljahr begann damals Ostern) stellte sich die Frage nach einem Ausflug. Meine älteren Kollegen klärten mich auf, dass für ein 3. Schuljahr eine Reise aufs Festland auf dem Plan stünde, in den Lütetsburger Wald, in der Nähe der Stadt Norden (Ostfriesland).
Gebürtig in Norden, kannte ich mich in diesem Wald aus wie in meiner Westentasche, wie man so schön sagt. Viele unserer Ausflüge mit den Hunden hatten uns in das Lütetsburger Gehölz und den angrenzenden Park geführt.
Dennoch fragte ich meinen Rektor, ob ich einen Kollegen als Begleitung mitnehmen könnte (an Eltern als Begleitung dachte man damals noch nicht). Mit einem leicht spöttischen Lächeln wurde mir erklärt, das ginge leider nicht, das müsse ich schon alleine durchstehen.
Nun gut, meine Kinder waren sehr lieb, ich kannte die Gegend, das Wetter spielte auch mit, los ging die Fahrt. Wald war damals für die Inselkinder etwas total Neues, man reiste noch nicht so viel wie heute. Sie waren leicht glücklich zu machen, ich erklärte dies und das, dauernd wurden kleine wichtige Dinge entdeckt, wir machten mehrmals Picknick und beschlossen endlich, im Wald ein Spiel zu spielen. Gewünscht wurde: Drittenabschlagen.
Das Spiel begann auf einem Seitenweg, weil es aber bei so vielen Kindern etwas länger dauerte, wurde es einigen Jungs, die abgeschlagen waren und warten mussten, langweilig. Einer von ihnen stocherte mit einem Stock in der Erde in einem kleinen Loch herum.
Attacke!!! Das war der berühmte Stich ins Wespennest! Hunderte von Wespen schwirrten urplötzlich um uns rum und stachen, was immer sie vor den Stachel bekamen.
Ich schrie nur noch: „Rennt weg , rennt weg!!” Wir mussten das Revier der Wespen ja so schnell wie möglich verlassen. Diese verfolgten uns jedoch ein ganzes Stück, und etliche Kinder bekamen die schmerzhaften Stiche zu spüren. Ich erinnere mich an ein Mädchen mit einer ganz dicken Backe und einer dicken Wade, ein Junge hatte einen Stich im Arm, und ich selbst hatte zwei Stiche in den Hals bekommen, weil die aggressiven Tiere sich bei mir im damals längeren Haar verfangen hatten.
Um meine eigenen Stiche konnte ich mich gar nicht kümmern, ich musste meine in Panik weggelaufenen Kinder einfangen und beruhigend auf sie einwirken. Wir setzten unseren Weg fort zu einer Gastwirtschaft in Lütetsburg und stärkten uns dort von dem ausgestandenen Schreck bei einem schönen Eis.
Ich habe danach noch unzählige Ausflüge in meinem Lehrerleben gemacht, aber nie wieder alleine!!! Nicht auszudenken, was hätte passieren können! Hätte ich nun eine Allergie gehabt und wäre ohnmächtig umgekippt mit den beiden Stichen in den Hals, dann wären fast 40 Kinder mutterseelenallein mit dieser Situation und der eigenen Angst mitten im Wald gewesen. Hätte ein Kind allergisch reagiert, ich hätte nicht schnell Hilfe holen können. Das nächste Haus war das Forsthaus, es war weit entfernt. Ein Handy gab es damals nicht.
Doch zum Glück ging diese Geschichte für uns alle noch einmal glimpflich aus.
Info:
Das Wasserschloss in Lütetsburg gilt als eine der schönsten Burganlagen in Norddeutschland.
Dieses Schloss wurde seit seiner Gründung im späten Mittelalter wiederholt durch Feuer zerstört und immer wieder in veränderter Form aufgebaut. Seit dem Jahre 1581 befindet es sich im Besitz der Familie zu lnn- und Knyphausen, deren Nachfahren noch heute darin leben. Der dazugehörende Schlosspark mit seinem uralten Baumbestand, den zahllosen Rhododendren und Azaleen ist von romantischer Schönheit. Ein Besuch dort lohnt sich zu jeder Jahreszeit. An den Park schließt sich im Süden und im Norden ein großes Waldgebiet mit vielen gut ausgebauten Rad- und Wanderwegen an
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