Eigene Geschichten 43
Aus Wohnungskatzen werden Freigänger
Eigentlich war mir schon die Vorstellung unerträglich. Bonnie und Clyde waren in Hamburg dreieinhalb Jahre reine Wohnungskatzen gewesen, an Freigang auf der Insel verschwendete ich deshalb zunächst keinen Gedanken. Ich war froh, dass sich Lara, unsere Neufundländerhündin, mit den Katzen gut vertrug und dass die gegenseitige Zuneigung immer mehr zunahm. Bonnie, unser Boss, blieb immer ein bisschen zurückhaltend, d. h. sie regierte die anderen beiden mit den Augen und ließ sich nicht herab, mit Lara Kontakt aufzunehmen. Sie fauchte sie jedoch auch nie wieder an, das eine Mal hatte genügt, Lara in die Schranken zu weisen.
Clyde hingegen, von Natur aus gutmütig, verschmust und zuerst noch etwas zurückhaltend, suchte auffällig oft Laras Nähe, als er begriffen hatte, dass die große, schwarze Bestie ihn nicht zum Frühstück verputzte. Bald passierte es, dass Lara ihn im Vorübergehen mal schnell ein bisschen ableckte, was er sich ohne Weiteres gefallen ließ. Als er zutraulicher wurde, musste er uns täglich seine Zärtlichkeit beweisen. Auf uns zu liegen und Ewigkeiten zu schmusen und zu schnurren wurde sein Lebensinhalt, und bald kam auch Lara in den Genuss seiner Zuneigung. Wenn er sie in der Wohnung traf, rieb er sich schnell an ihr und gab ihr Köpfchen. Wir waren immer ganz gerührt. Nie hätten wir gedacht, dass die drei so harmonieren würden.
Am 31. Oktober hatten wir die beiden bekommen, und es gab in diesem Winter keine Probleme. Erstaunlich schnell hatte sich mit dem Hund alles geregelt, und auch wir waren als neue Dosis anerkannt. Hamburg geriet in Vergessenheit.
Dann wurde es Frühling, und das Problem begann.
Draußen schien die warme Frühlingssonne, die Vögel zwitscherten im Garten, Amseln hüpften auf unserem Rasen herum, und sehnsüchtig saß Bonnie am Fenster und starrte stundenlang nach draußen. Auch Clyde blieb von dem neuen Gefühl nicht verschont, zwei heftig peitschende Katzenschwänze verrieten uns, wie es in den beiden aussah.
Wir sind Freiluftfanatiker, d. h. wenn die warme Jahreszeit anbricht, stehen bei uns die Fenster sperrangelweit offen, Tag und Nacht. Wir wohnen Parterre, es wäre ein leichtes für eine Katze, aus dem Fenster zu springen. Also blieben die Fenster in der Kippstellung, aber die ist ja, wie bekannt, für Katzen auch nicht gerade ungefährlich.
Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus. Dieses ständige Aufpassen, dass Bonnie uns nicht durch die offene Tür entwischte oder womöglich ins geöffnete Kippfenster sprang, ging mir auf die Nerven. Meine Nachbarin redete mir auch gut zu, beide Katzen bekamen ihr Katzengeschirr um, und es ging mit langer Leine auf den Hof.
Wie unterschiedlich sie doch auf die (noch begrenzte) Freiheit reagierten!! Clyde lag platt wie ein Pfannkuchen im Gras und schielte hoch zur „Zimmerdecke”, die plötzlich sooo hoch und himmelblau war.
Bonnie dagegen ging sofort auf Abenteuersuche und hatte sich nach kurzer Zeit so in einem Busch verheddert, dass wir sie aus dem Geschirr befreiten und sie einfach laufen ließen. Was für zwiespältige Gefühle! Bonnie: selig!!! Clyde: ängstlich!!! Ich: hoffentlich geht das gut! Mein Mann: zuversichtlich wie immer.
Auf diese Weise „übten” wir täglich den Freigang, zunächst noch im Geschirr, dann frei. Lara war immer mit von der Partie, ein Fels in der Brandung. Was kann mit so einem Beschützer auch passieren? Zunächst begleiteten die beiden uns wie Hunde, folgten uns auf Schritt und Tritt, und Clyde miaute furchtsam: Nicht sooo schnell, ich will euch nicht verlieren!
Aber auch dieses Stadium ging schnell vorüber. Plötzlich war Bonnie weg, spurlos in den Dünen verschwunden. Bei Clyde dauerte es einige Tage länger, dann entdeckte auch er, dass Freigang alleine schöner ist. Sorgen machte sich nur noch eine: ich! Mein Mann, mit freilaufenden Katzen groß geworden, tröstete mich: Wenn sie Hunger haben, kommen sie wieder!
Es stimmte auch, sie kamen wieder, aber wann? Anfangs ließen sie sich nicht rufen, unterdessen kommen sie auf Pfiff. Und sie nutzten ihre Freiheit wie Jugendliche, die von den Eltern zu kurz gehalten wurden. Sie überzogen ihre Heimkehrzeiten maßlos. Bis spät in die Nacht stromerten sie durch ihr neues Revier, verteidigten es gegen Nachbars Kater Nicki, kamen mit Bisswunden nach Hause, mussten deswegen zum TA, aber die Freiheit, die wollten sie nie mehr missen.
Es hat lange gedauert, bis ich mich an den Freigang gewöhnt habe, und man kann in der
Geschichte 16 nachlesen, wie sehr Bonnie durch ihre Extratouren unsere Nerven strapaziert hat.
Aber Bonnie ohne Freigang wäre eine kranke Katze, ihr Drang nach draußen ist unbändig. Und auch Clyde genießt wieder das Nachtleben oder die warme Sonne, seitdem es ihm wieder besser geht.
Mittlerweile sind wir ein beliebtes Fotomotiv für Kurgäste geworden. Wir mit dem großen Hund, daneben, davor oder dahinter zwei Katzen, die sofort beim Hund in Deckung gehen, wenn sie meinen, Gefahr ist im Verzug. Lara ist ihr Orientierungspunkt. Wenn wir die Katzen mal suchen, muss der Hund mit. Den sehen und identifizieren sie aus weiter Ferne und kommen munter angesaust.