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Trauer und der Feuerring
 
"Meine Freundin Janet und ich haben uns in den letzten zehn Jahren zweimal im Monat auf halbem Weg zwischen ihrem Wohnort Wakefield Rhode Island und meinem in Warwick getroffen. Wir sind beide Therapeutinnen. Wir treffen uns, um einander Unterstützung und Führung für unsere Arbeit zu geben und auch für unser Leben.
 
Vor kurzem war unser Thema die Trauer. Ein Patient von Janet meinte, zwei Jahre nach dem Tod seines sehr geliebten Vaters müsse er eigentlich "schon sehr viel weiter fortgeschritten sein".
 
Sofort entstand in meinem Kopf eine Vorstellung von Trauer als Feuerring. Eine Annäherung daran ist furchterregend, und es ist schmerzhaft hineinzutreten. Und so ist die Versuchung groß, den leichteren Weg der Verleugnung zu nehmen, so zu tun, als ob das Liebste nicht tot ist oder daß der Verlust in Wirklichkeit gar nicht so groß ist.
 
Bei der Arbeit mit meinen Patienten mache ich keinen Unterschied, ob der Verlust einen menschlichen oder tierischen Gefährten betrifft. Liebe ist Liebe, ganz egal welchen Körper sie trägt. Und meine eigenen wichtigsten Lehrer, durch die Trauer zu lernen, waren Tiere. Ich habe auch um Menschen getrauert, aber diese Beziehungen waren sehr viel komplexer, und ihr Ende war manchmal sehr schwer als Trauer zu erkennen. Meine Gefühle für meine Tiere sind bei weitem weniger konfliktbeladen, und so erlebte ich ihren Tod als durchdringende - aber klare und viel einfacher zu definierende - Trauer.
 
Fünf Mitglieder meiner Tierfamilie sind jetzt beerdigt unter der turmhohen Weißpinie in meinem Garten. Vier Katzen und mein gebrechlicher 18 Jahre alter Minipudel. Der Körper von George, einem 13 Jahre alten roten Kater mit einer vernarbten weißen Nase und ausgefransten Ohren, wurde erst vor kurzem beerdigt. Er war mein lieber Gefährte und Führer im Leben und nimmt diese beiden Rollen auch nach seinem Tod immer noch in meinem Leben ein.
 
Wenn ein Patient über den Verlust eines geliebten Wesens spricht und nach Hilfe bei dem Kampf mit der Trauer fragt, dann bin ich froh, eine Idee weitergeben zu können, die ich aus dem wundervollen Buch von Alexandra Kennedy habe "Losing a Parent". Sie schlägt vor, eine Verabredung zu treffen, einen Termin mit der Trauer. Bestimmen sie einen Ort und einen Zeitpunkt, zu dem sie sich an den erinnern möchten, der gestorben ist. Setzen sie sich hin mit Bildern und Objekten, die sie an den Verstorbenen erinnern, und erlauben sie sich, in dessen Anwesenheit einzutauchen. Aber setzen sie eine zeitliche Frist fest, und trauern sie nur für 15 Minuten. Dann lassen sie los und machen weiter.
 
Hier schildere ich, wie George es mich gelehrt hat, mich an ihn zu erinnern. Ich habe ein Bild von George aus seinen glücklichen Jugendtagen vergrößern lassen und eingerahmt. Das Bild steht auf einem Tisch neben einem Sessel, den ich gerne benutze. Mehrere Male am Tag beziehe ich mich auf die eine oder andere Weise auf dieses Bild und damit auf meine Erinnerungen. Ich streichle mit dem Handrücken über das Foto wie ich es immer über seine Wangen gemacht habe. Ich nehme das Bild und halte es fest. Oder ich spreche einfach nur zu ihm und sage "Ich liebe dich" oder "Ich vermisse dich".
 
Aber vielleicht so ein- oder zweimal im Monat seit George starb, trete ich durch den Feuerring und laß mich vom Schmerz verbrennen. Ich spüre dann vollkommen meine Liebe für diesen besonderen Freund und die Trauer über diesen Verlust. Und während dieser Gefühle treffen wir uns wieder so eng und sind uns so nah wie im Leben. Wenn ich spüre, wie meine Kehle eng wird und die Tränen anfangen zu rollen, dann ist es so, als ob das Wasser aus meinen Augen mich wie eine Leitung zu der Energie führt, die uns verband, als George noch einen Körper hatte. Während der Trauer ist er für mich wieder lebendig.
Ich rate das meinen Patienten. Laß die Tränen kommen. Wenn du stark genug bist, den Schmerz zuzulassen, dann wirst du auch in diesem Augenblick wieder die Gegenwart desjenigen spüren, den du verloren hast. Sofort wenn ich in diesen Feuerkreis eingetreten bin, kann ich mich sehr deutlich und klar an George erinnern: Sein Kopf auf meinem Kissen und seine Pfote in meiner Hand während wir schliefen. Ich kann es fühlen! Ich kann die Narben auf seiner Nase sehen, Relikte aus seiner Zeit auf der Straße, bevor er mich als seine Lebensaufgabe akzeptierte. Ich kann sein zirpendes, singendes Schnurren hören, das er während unserer unzähligen Gespräche von sich gab. Ich kann den kleinen schwarzen Fellfleck am Rande eines seiner Augen sehen auf einer ansonsten rot-weißen Katze! Das sind Details, die ihn für mich wieder lebendig machen. An die zu denken so kurz nach seinem Tod ich mir nicht erlauben kann,  außer wenn ich durch diesen brennenden Ring trete. Aber es gibt sogar noch mehr Schätze auf dieser anderen Seite des Feuerrings. Ich spüre dann, wenn ich den Schmerz in mir zulasse, daß ich dann nicht nur wieder in Kontakt bin mit meinem Liebsten, sondern daß er auch wieder zum Führer wird für mich in dieser neuen Welt. Er zeigt mir, daß das Leben niemals endet und Grenzen nicht binden. Er führt mich dahin, wo er gewachsen ist und erlaubt mir, tief in meinem Körper zu spüren, daß es keinen Tod gibt. Wir leben als Regentropfen. Meine Liebsten, die vor mir starben, zeigen mir den Ozean.
 
Aber diese heiligen Momente dauern nicht an. Trauer setzt sich zusammen aus vielen Augenblicken, in denen man sich durch einsame Strecken schleppt. Die meiste Zeit möchte ich einfach nur die warmen und weichen Körper meiner Tiere wiederhaben! Ich erinnere mich an die Zeit, als mein 21 Jahre alter Kater Ivan starb, ein völlig schwarzer Siamesenmix. Drei Tage nach seinem Tod merkte ich, daß ich durch das Haus lief und ständig wiederholte: "Okay. Das war jetzt nicht schlecht. Ich hab mich gut gehalten. Ich war tapfer. Aber jetzt will ich meinen Kater zurückhaben. Drei Tage sind jetzt wirklich genug. Jetzt reicht es. Ich möchte meinen Kater zurück. Jetzt!
 
Ich kenne niemanden, der sich nicht vor der Trauer fürchtet. Sie brennt. Und daher neigen wir dazu, sie nicht auszuleben, und indem wir sie verleugnen, erlauben wir ihr, zu einem Sog in unserem Leben zu werden. Aber wir werden immer Verluste erleiden. Und wenn wir sie erleben müssen, dann werden sie uns schmerzen. Dann können wir genausogut nach den Diamanten Ausschau halten.
 
Einige Zeit nach dem Tod von Simon, einem anderen älteren und kranken Findling, hatten wir ein Gespräch spät in der Nacht. Ich besprach mit ihm einen Fehler, den ich gemacht hatte und der sein Leben verkürzt hatte. Ich sah ihn wieder so wie er war, als ich ihn das erste Mal traf. Er saß unter einem Baum neben der Straßenseite, wo ich ihn beinahe mit dem Auto überfahren hätte. Er war groß, ein blonder Hüne mit langem Fell. Ein Auge tränte. Sein Fell hing herunter wie Moos von einer Zypresse. Auf meine Fragen nach seiner Gesundheit antwortete er mit einem lauten "yarow!", er hatte nur noch zwei Zähne, beide auf der gleichen Seite.
 
Er lebte noch 6 Jahre mit mir, nachdem ich ihn überredet hatte, mit mir zu kommen. Er war zerbrechlicher als ich wußte, als ich ihn zum Scheren brachte, damit die verfilzten Matten - die ich eigentlich hätte am Entstehen hindern müssen - aus seinem Fell geschnitten wurden. Das Scheren war zu stressig für ihn, und er erlitt einen Schlaganfall auf dem Tisch.
 
Darüber sprachen wir also - er saß groß da mit seinen Blumenkohlohren - als ich mich in den Trauerschmerz fallen ließ und sagte: "Ich vermisse dich so.  Ich möchte dich wiederhaben." Antwortete er: "Ich bin hier. Jedesmal, wenn du eine Katze hältst, dann bin ich genau in diesem Moment da." Und wißt ihr was, er ist dann wirklich da! Ich kann ihn spüren, oder Ivan oder George - jeden von ihnen, auf den ich mich gerade einstimme, in einem warmen, weichen Körper!
 
Trauer schmerzt. Keiner von uns würde sich diesen Weg des Lernens aussuchen. Aber die Lebensstraße ist nicht gerade. Es gibt scharfe Wendungen. Es gibt Tode, und dann ist da die Trauer. Unsere Liebsten können uns den Weg hindurchzeigen, wenn wir sie lassen."
 
Autor unbekannt
 
übersetzt von Jeanette Bachmann
 
 
 
 
Abschied von Julius
 
Ich möchte mich bedanken bei allen, die mir auf dem schweren Weg am 26.06.05 mit tröstenden Worten, Mitgefühl und Verständnis zur Seite standen. Bei jedem Todesfall ihm Forum war ich wie gelähmt, erstarrt, fand keine Worte und fühlte die furchtbare eigene Angst vor dem Verlassenwerden, die für mich mit Sterben gleichkam. Und ich durfte die Erfahrung machen, trotzdem von Euch nicht alleingelassen zu werden.
Es ist drei Wochen her, der Umzug ist vorbei, es gibt viele neue Probleme und jeden Tag aufs Neue stehe ich mit Julius auf und gehe mit ihm schlafen.  Er ist die Liebe meines Lebens, mein Freund, mein Kamerad, mein Therapeut. Er hat das vollbracht, was nie ein Mensch geschafft hat: Er hat mir gezeigt, was bedingungslose Liebe ist und ich habe von ihm gelernt noch im Tode.
 
Er war so selbstverständlich, so souverän. Er war mit seinen vielen Krankheiten der aktivste von meinen Katzen. Er hat sich niemals von etwas abhalten lassen. An Tagen, wo er nicht laufen konnte, ging er trotzdem hinaus und machte eben nach jedem Schritt eine Pause, um dann weiterzugehen. Er zeigte mir, wenn es ihm nicht gut ging und er Hilfe brauchte. Er sagte mir sogar, wann er ein Klistier oder eine Infusion benötigte.
 
Und er zeigte mir auch, daß die Zeit gekommen war, wo er in Würde gehen wollte
 
Er hatte eine schöne letzte Nacht und einen schönen letzten Tag. Als die Tierärztin kam, begrüßte er sie an der Tür. Er wehrte sich nicht gegen die Narkosespritze, machte noch eine halbe Runde um den Wohnzimmertisch, bis er sich niederlegte. Wir saßen im Kreis um ihn herum auf dem Teppich. Ich streichelte ihn und sprach mit ihm ohne Worte von Seele zu Seele.  Kurz bevor er seinen letzten Atemzug machte, kam Tamino hinzu, legte der Tierärztin seine Pranke in die Hand, gab Köpfchen und füllte die traurige Stille mit Schnurren. Es gesellten sich dann Liora und Felicitas dazu und Julius geliebtes Herz hörte für immer zu schlagen auf.
 
 
 
Ich nahm seinen entspannten Körper auf und legte ihn in seinen Karton mit Heu. Meine Freundin und ich schliefen die ganze Nacht nicht. Wir streichelten Julius immer wieder. Er war so wunderschön und so unendlich friedlich. Die Angst, die ich bis zu diesem Tage vor dem Tode hatte, verlor sich immer mehr.
 
Julius war der Erste, den ich am nächsten Tag in die neue Wohnung trug. Sogar der neue Vermieter begrüßte und streichelte ihn. Alles war so selbstverständlich, so selbstverständlich wie Julius in seinem Leben war.  Er blieb noch bis zum Abend des darauffolgenden Tages in meinem Zimmer. Ich sprach immer wieder mit ihm, streichelte ihn immer wieder. Und ich verstand, was das Wort BE-GREIFEN bedeutet. Ich nahm ohne Angst jede Veränderung an seiner geliebten Hülle wahr:  Es dauerte einen ganzen Tag, bis sie spürbar erkaltet war und ebenso lange, bis die fortschreitende Erstarrung seine ganze Gestalt in Besitz nahm.  Am Dienstagmorgen nahm ich noch einmal allein in der Stille des anbrechenden Tages Abschied. Als die Morgensonne auf den Körper meines Ritters in schwarzglänzender Rüstung fiel, sah er aus wie in Gold getaucht. Und in diesem Moment sah ich ihn im Regenbogenland auf einer blühenden Wiese liegen. Bei ihm lagen Katzenbabies, noch blind und taub. Er putzte sie und gab ihnen mit seiner Sanftheit und Gelassenheit zu verstehen: Alles wird gut.
 
Im Laufe des Tages fing die ihn umfangende Starre langsam an, seinen Körper freizugeben. Tief in mir hörte ich eine Stimme: "Mutter-Erde - der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen..." Und jetzt war ich bereit, das, was von ihm geblieben war,  der Erde zu übergeben. Es war nicht mehr mein Julius, dessen Körper ich beherbergte, Julius war wirklich fort. Am Abend begrub ich ihn in einer wunderschönen Lichtung im neuen Garten. Diesen Platz hätte er sich auch ausgesucht.
 
Und Tamino und Liora liegen häufig dort und bestätigen mein Gefühl, den richtigen Platz gewählt zu haben.
 
 
Er hat mir gezeigt, daß Verlassen n i c h t Sterben heißt. Verlassen werden von einem über alles geliebten Familienmitglied, heißt für alle, die an das Regenbogenland glauben, nur eine andere Straße weiter zu gehen. Nicht stehen bleiben, sondern weiter gehen, bis sich die Kreuzungen wieder treffen und wir wieder zusammen gehen können. Weiter gehen auf der Straße des Lebens und der Liebe. Weitergehen und jeden Tag die neuen Herausforderungen annehmen und bewältigen. Weitergehen und alles was man liebt, tief und fest im Herzen behalten. Weitergehen und nicht zurückschauen auf die Weggabelungen, die man aus einem guten Grund übersehen hat. Weitergehen und die klare Luft des Lebens in sich aufnehmen, damit man später im Regenbogenland voll Stolz auf alles zurückblicken kann, was man tagtäglich geschafft hat. Weitergehen und mit all unserer Liebe all das zudecken können, was wir meinen falsch gemacht zu haben.
 
Ich fühle mich verwaist, entwurzelt, traurig und bin dankbar für all die Liebe, die er mir geschenkt hat. Ich habe so viel lernen dürfen von ihm. Er ist immer bei mir und wird mich nie verlassen. Und wenn ich traurig bin, sehe ich Julius, wie er mir mit seinen lieben Augen sagt:  ALLES WIRD GUT.
 
 
 
Ich danke Euch allen und insbesondere Bettina, die diesen Weg von Anfang bis Ende mit mir gegangen ist
 
Jutta & Julius - untrennbar bis in Ewigkeit