Ketone und Ketoazidose
Ketonkörper:
Ketonkörper können bei einer Diabeteskatze jederzeit auftreten. Sie entstehen meist, wenn ein Insulin- oder Nahrungsmangel vorliegt. Für den Körper bedeutet das Insulindefizit, dass er die aufgenommene Nahrung nicht verwerten kann. Er kann sie zwar aufspalten, aber die Glucose gelangt nur bis ins Blut, wo sie sich sammelt. Um sie in die Zellen zu schleusen, wo sie verwertet werden kann, wird Insulin benötigt. Das Tier verhungert theoretisch trotz Nahrungsaufnahme.
Die Natur hat sich deshalb eine Überlebensstrategie erdacht: Die Ketone. Sie helfen auch Wildtieren, die unfreiwillig hungern müssen, weil sie keine Beute machen oder Menschen, die für ihre Schönheit zu Diäten greifen. Wird den Zellen keine Nahrung mehr von außen zugeführt, beginnt der Körper eingelagerte Fettreserven zu verbrennen. Das allein lässt ihn überleben. Leider entstehen dabei giftige Abbauprodukte, die Ketonkörper. Zwar werden sie zum Teil über den Urin wieder ausgeschieden, aber sie senken den pH-Wert des Blutes. Je nach Heftigkeit des Hungerzustandes oder des Insulinmangels tritt eine Übersäuerung des Blutes ein. In extremen Fällen kommt es zu einer Entgleisung des gesamten Stoffwechsels - der sogenannten diabetischen Ketoazidose.
Nachweis von Ketonen:
Gemessen werden die Ketone im Urin der Katze. Eigens dafür hergestellte Teststreifen bekommt ihr in jeder Apotheke. Ein Farbwechsel von hellgelb/beige (normal) über rosa, weinrot bis violett als letzte Stufe zeigt, ob Ketone im Urin vorhanden sind. Erst bei einer violetten Verfärbung des Teststreifens spricht man von der zu Recht gefürchteten diabetischen Ketoazidose. Sind die Umstände "günstig", kann sie innerhalb von wenigen Stunden aus nur wenigen Ketonkörpern (Farbe rosa) entstehen und sich zum lebensbedrohenden Notfall entwickeln. Aus diesem Grund besteht bei Ketonkörpern immer Handlungsbedarf. Auch wenn ihr im Moment "nur" eine blassrosa Verfärbung auf den Urinteststreifen seht. Ihr solltet nichts dem Zufall überlassen. Leider weiß ich aus eigener Erfahrung und von diversen Berichten in Diabetesforen, dass manche Tierärzte sehr unbedarft mit dem Thema Ketone umgehen: "Diabeteskatzen haben öfters Ketone. Kein Grund zur Sorge. Das geht schon wieder weg." Bitte glaubt das nicht. Sollte euch ein Tierarzt derartiges sagen, zögert nicht, sofort einen andern Tierarzt um Hilfe zu bitten. Wartet nicht bis sich eine "richtige" Ketoazidose entwickelt hat.
Eine Kontrolle des Urins auf Ketone sollte mindestens zweimal die Woche zur normalen Routine bei einer diabeteskranken Katze gehören.
Ursachen:
Es gibt viele Ursachen, die die Entstehung von Ketonen bzw. eine Ketoazidose begünstigen können. Leider lassen sich nicht alle davon von uns beeinflussen. Sie können sowohl bei unbehandelten Katzen, als auch bei gut eingestellten Katzen vorkommen. Bitte glaubt nicht, dass euch das nicht passieren kann, weil die Katze niedrige Zuckerwerte hat und als gut eingestellt gilt. Auch dann ist man dagegen nicht gefeit. Allerdings sind Ketonkörper oder gar Ketoazidosen bei hohen Zuckerwerten öfter zu beobachten. Folgende Faktoren begünstigen die Entstehung:
- ein absoluter Insulinmangel
- Dehydrierung der Katze (auch durch Blutverlust)
- Infektionen jeder Art
- Neuropathie
- gastrointestinale Erkrankungen
- Herzinsuffizienz
- Hungerzustände oder Nahrungsverweigerung
- Insulinresistenz (kommt allerdings sehr, sehr selten vor)
- Stress und damit verbunden die Ausscheidung von Stresshormonen wie Glukagon, Adrenalin oder Kortisol, die als Gegenspieler des Insulins gelten
Symptome:
Katzen, die unter hohen Ketonen oder Ketoazidose leiden, fallen durch folgende Symptome auf:
- stark nach Nagellackentferner (Aceton) riechender Atem
- schlechtes Allgemeinbefinden
- Apathie
- Erbrechen
- Appetitlosigkeit
- beschleunigtes und vertieftes Atmen
- z. T. Schmerzen im Bauchraum (Abdomen)
- und natürlich positive Verfärbung des Urin-Keto-Sticks
Leichte Verfärbungen des Teststreifens und niedrige Blutglucosewerte:
Sollten keine anderen Komplikationen vorhanden sein, ist ein Klinikaufenthalt der Katze hier nicht nötig. Aber es schadet nichts, auf alle Fälle mit eurem Tierarzt das weitere Vorgehen zu besprechen. Das gilt erst recht, wenn ihr relativ unerfahren auf diesem Gebiet seid. Insulin und Futter müssen zugeführt werden. Die tägliche Insulindosis sollte nach Möglichkeit erhöht werden! Natürlich nur, wenn dadurch nicht die Gefahr einer Hypoglykämie entsteht. Kleine Mengen Insulin und etwas Futter können auch zwischen den Spritzzeiten helfen, die Ketone schnell wieder in den Griff zu bekommen. Bitte vergesst nicht, falls ihr außerplanmäßig füttert und spritzt, immer wieder die Blutglucose zu kontrollieren. Sie sollte nicht zu stark ansteigen, das begünstigt die Ketonbildung. Werte in 300ern sind optimal: Noch weit genug entfernt von einer Hypoglykämie, aber auch noch nicht gefährlich hoch. Von zu häufigen außerplanmäßigen Insulingaben möchte ich allerdings abraten. Überlagern sich die einzelnen Insulindosen zu stark (Overlap), kann die Katze mit einem Somogiy- Effekt reagieren. Und das wäre das letzte, was ihr in dieser Situation gebrauchen könntet.
Leichte Verfärbungen des Teststreifens und hohe Blutglucosewerte:
Auch hier ist kein Klinikaufenthalt nötig. In Absprache mit eurem Tierarzt könnt ihr etwas Insulin ohne Nahrung verabreichen. Es ist hier wichtig, den Blutzucker erst einmal zu senken. Der Insulinmangel ist hier das vorherrschende Problem. Genügend Glucose ist ja vorhanden. Nur kann sie eben nicht genutzt werden. Bedenkt bitte, dass der Körper auf Insulin ohne Nahrung ganz anders reagiert, als auf die gleiche Menge Insulin in Verbindung mit Futter. Seid also vorsichtig! Eure Nadirzeit muss jetzt nicht mehr stimmen. Es kann sein, dass die Katze in einer schrägen Geraden fällt und es gar keine Kurve gibt. Erst wenn ihr deutlich seht, dass die Glucose wieder steigt, solltet ihr eine zweite, kleine Dosis Insulin verabreichen. Bitte gebt niemals mehr als 0,5 Einheiten auf einmal. Der Nachteil dieser Vorgehensweise liegt in der verzögerten Wirkung des Insulins. Es kann Stunden dauern, bis die Wirkung richtig einsetzt und die Glucose gesenkt wird. Zu häufige Insulingaben sind nicht angebracht. Die Gefahr der Überlappung besteht auch hier.
Schneller und ohne die Gefahr eines Overlaps geht es mit Alt-Insulin. Das ist Insulin der reinsten Form ohne verzögernde Inhaltsstoffe. Das heißt, es wirkt sofort. Der Nadir tritt hier schon nach ein, zwei Stunden ein. Es wird auch in der Klinik oder beim Tierarzt für Ketoazidosen genutzt. Allerdings müsst ihr mit Alt-Insulin äußerst vorsichtig umgehen. Alt-Insulin ist nichts für Neulinge. Wer noch unerfahren im Hometesten ist oder es gar nicht durchführt, sollte niemals ein Alt-Insulin benutzen! Es kann viel stärker und schneller wirken, als ihr das vom normalen Insulin gewohnt seit. Auch hier dürft ihr nur geringe Mengen spritzen - nie mehr als 0,5 Einheiten pro Gabe. Anfangen solltet ihr besser mit nur mit 0,2 Einheiten, um zu prüfen, wie die Katze darauf reagiert. Diese winzigen Mengen lassen sich nur mit einem 40er Insulin in einer 100er-Spritze abmessen. Bitte verwendet nie ein 100er-Alt-Insulin. Dieses lässt sich in solch kleinen Mengen nicht mehr exakt genug dosieren. Mit Alt-Insulin ist es auch möglich, in kürzeren Intervallen nachzuspritzen (ca. nach 3 bis 4 Stunden) und den Zucker damit schneller zu senken. Aber Achtung, das Insulin kann sich addieren und beim Nachspritzen zu einer schnelleren Senkung führen, die unerwartet und nicht erstrebenswert ist. Die Katze sollte nicht schneller als 60 bis 80 mg/dl, bzw. 3,5 bis 4,5 mmol/l fallen. Eine häufige (z. B. stündliche Kontrolle) der Blutglucosewerte muss unbedingt durchgeführt werden. Alt-Insulin macht nur Sinn, wenn die Zuckerwerte wirklich hoch sind (über 500 mg/dl bwz. 28mmol/l). Ihr bekommt Alt-Insulin nicht ohne Rezept. Der Tierarzt wird entscheiden, ob er es euch aushändigen möchte.
Infusionen:
Sie sind neben dem Insulin das A und O bei der Behandlung von Ketonkörpern. Je mehr ein Tier austrocknet, umso größer ist die Gefahr, dass die Ketone sich vermehren. Infundieren schwemmt sie mit dem Urin aus dem Körper. Bei der diabetischen Ketoazidose sterben die Tiere nicht an der Übersäuerung des Blutes, wohl aber am Volumenmangel der Körperflüssigkeiten! Ihr könnt eure Katze auch zu Hause infundieren. Zwei Lösungen stehen zur Verfügung: Entweder die Kochsalzlösung NaCl 0,9 oder die Ringerlösung Ri. In Kliniken wird bei Ketoazidosen zur Entscheidungshilfe die Natriumkonzentration des Serums gemessen. Liegt sie unter ca. 150 mmol/dl, wird mit Kochsalzlösung infundiert. Darüber kommt die Ringerlösung zum Einsatz. Zu Hause ist es natürlich nicht möglich das Natrium zu messen. Für einen kurzzeitigen Einsatz und bei nur leichten Ketonspuren dürften ohnehin beide Lösungen geeignet sein. Solltet ihr allerdings länger gegen Ketone kämpfen müssen, fragt bitte euren Tierarzt, welche Lösung ihr verwenden sollt. Eventuell kann es von Vorteil sein, beide Lösungen abwechselnd einzusetzen. Bitte verwendet niemals Ringer- Lactat-Lösung! Durch sie kann die Ketonbildung noch verstärkt werden. Die Infusionen müssen nicht venös gegeben werden. Subcutan belasten sie sogar den Kreislauf weniger. Infusionen zu verabreichen ist gar nicht so schwer! Manche Tierärzte unterstützen ihre Patientenbesitzer dabei und zeigen es ihnen vorab einmal in der Praxis.
Insulin erhöhen:
Nach der Beseitigung der Ketone sollte die tägliche Insulindosis, wenn möglich, erhöht werden. Oft ist es einfach ein Insulinmangel, der Ketonkörper entstehen lässt. Und bitte beobachtet die Katze auch die nächsten Tage. Die Ketone könnten wieder kommen. Überlegt bitte zusammen mit eurem Tierarzt, ob es noch andere Ursachen für die Ketone geben könnte, z. B. Infektionen oder eine Dehydrierung der Katze.
Weinrote bis violette Färbung des Teststreifens:
Zeigt der Urinteststreifen eine violette Färbung, liegt eine Ketoazidose vor! Hier ist Eile geboten. Bitte verständigt sofort euren Tierarzt oder die nächste Tierklinik. Nur dort kann man euch noch helfen! Leider wird der Katze ein Klinikaufenthalt nicht erspart bleiben. Die Ketoazidose ist eine sehr ernste und lebensgefährliche Situation, die keinen Aufschub gestattet!!! Die Sterblichkeit trotz klinischer Behandlung ist sehr hoch.
Die diabetische Ketoazidose:
Der biochemische Ablauf einer Ketoazidose ist ein komplexer Vorgang. Es kommt zu einer Mobilisierung der freien Fettsäuren aus dem Fettgewebe, zur Ketonkörperproduktion und zur metabolischen Azidose. Dabei werden auch verschiedene andere osmotische Stoffe im Blut gelöst. Das führt zu einer vermehrten Harnausscheidung (Osmotische Diurese), dessen Folge ein ausgeprägter Flüssigkeits- und Elektrolytverlust ist. Die Tiere sterben, wie schon erwähnt, nicht an den Ketonkörpern oder an hohen Blutglucosewerten, sondern am Volumenmangel der Körperflüssigkeiten. Deshalb sind Infusionen so wichtig bei der Behandlung der Ketoazidose.
In der Klinik:
Katzen, die mit diabetischer Ketoazidose in die Klinik eingeliefert werden, gelten als Intensivpatienten, die oft bis zu einer Woche rund um die Uhr betreut werden müssen. Meist wird am Anfang ein komplettes Organ- und Blutbild gemacht, um den Umfang der Stoffwechselentgleisung und mögliche Ursachen abschätzen zu können. Die Blutglucose und die Elektrolyte werden alle paar Stunden neu bestimmt.
Infusionen sind, neben dem Insulin, der wichtigste Bestandteil einer Therapie. Da die Tiere trotz normalem Serum-Kalium-Wert meist unter Kaliummangel leiden, wird Kalium mittels Infusion zugeführt. Eine lebensbedrohliche Hypokalämie wird damit verhindert. Das gleiche gilt für Phosphor, auch das wird meist per Infusion verabreicht.
Natürlich bekommt die Katze auch Insulin, um die Blutglucose zu senken. Kliniken arbeiten zu diesem Zweck mit Alt-Insulin, das anfangs oft IM, später dann SC verabreicht wird. Auf normales Insulin wird erst umgestellt, wenn die Katze wieder selbständig frisst.
Regelmäßige Kontrollen bestimmter Blutwerte wie z. B. Hämatokrit, Eiweiß oder Elektrolyte (alle 4 bis 6 Stunden) runden ein normales Behandlungschema ab.
Bitte versucht es nicht so weit kommen zu lassen. Stellt ihr ein abnormales Verhalten der Katze fest oder riecht ihr Atem eigenartig, kontrolliert zur Sicherheit auf Ketone. Finden sich erste Verfärbungen, ist das noch kein Grund zu Panik, wohl aber ein Grund zum Handeln!
Copyright : Martina Menz,München
Dieses Dokument wurde mir freundlicherweise von Martina zur Veröffentlichung überlassen.